Mittwoch, 17. Februar 2010

Glengarry Glen Ross (1992)

Eine verregnete Nacht, vier Immobilienmaklern wird die Pistole auf die Brust gesetzt - wer in den nächsten Tagen die meisten Abschlüsse macht, bekommt einen Cadillac, der zweitbeste ein Messer-Set, die anderen werden gefeuert. Während ein unaufhörlicher Regensturm das Ende der Welt ankündigt, ziehen sie los, wütend, bettelnd, lügend, um die nackte Existenz kämpfend...

Für die Verfilmung des mit dem Pulitzer Preis gekrönten Theaterstücks GLENGARRY GLEN ROSS von 1992 adaptierte Autor David Mamet seine eigene Vorlage, James Foley führte Regie. Leider ist der Film den meisten Zuschauern heute noch unbekannt, dabei handelt es sich um einen der großartigsten Schauspieler-Filme aller Zeiten. Hier sind Darsteller am Werk, denen man gebannt an den Lippen hängt, die tief in ihre Charaktere eintauchen und förmlich um ihr Leben spielen.
Jack Lemmon ist der alternde Ex-Profi, der um seinen Job bettelt, Pacino der aalglatte Top-Verkäufer, der bei einem Verkaufsgespräch mit Jonathan Pryce alles aufbietet, was ein guter Verkäufer braucht - er schmeichelt, verführt, macht sich zum Freund, gibt banale Lebensweisheiten von sich, bis Pryce nur noch unterschreiben kann. Ed Harris spielt den zornigen Verkäufer, dessen Karriere noch gar nicht angefangen hat, und der jetzt schon kurz vorm Zusammenbruch steht, Alan Arkin ist der Mitläufer, der nie talentiert genug war, wie ein Papagei alles nachplappert und bereits mit seinem Job abgeschlossen hat. Der damals noch relativ unbekannte Kevin Spacey spielt den jungen Büroleiter, der selbst nie etwas verkauft hat und von allen verachtet wird, aber dennoch die Machtposition innehat.

In GLENGARRY GLENN ROSS gibt es keine Verfolgungsjagden oder Liebesgeschichten, es gibt Dialoge, Dialoge und noch mehr Dialoge. David Mamet, der häufig mit Harold Pinter verglichen wird, lässt Dialoge sich ständig wiederholen und überlappen, die Charaktere und das Milieu sind messerscharf beobachtet. Die Schauplätze sind auf das Maklerbüro, die nächtlichen Straßen und leere Bars begrenzt. Die Abwesenheit von Nebendarstellern (bis auf wenige Ausnahmen) macht die Protagonisten zu Geistern, in deren Welt es nur Abschlüsse gibt, keine Menschen. In einer Einstellung zitiert James Foley deutlich Hoppers "Nighthawks". Dies ist eine Geschichte über Verlorene, über den Kapitalismus, die "Hölle auf Erden", wie ihn eine der Figuren nennt. Die Sklaven halten sich ergeben an die Regeln und geben den Druck, dem sie ausgesetzt werden, weiter. Sie ziehen ihre Kunden über den Tisch und behalten selbst höchstens ihren lausigen Job, für den sie von aller Welt verachtet werden. Alle verlieren, außer dem Top-Manager Alec Baldwin an der Spitze der Geldpyramide, der im Film keinen Namen hat, aber eine teure Uhr und einen BMW. Er erscheint zu Beginn für 10 Minuten, um die Vertretertruppe aufzumischen, er ist die Verkörperung der Gier. Die Makler lassen sich von ihm demütigen, beleidigen und beschimpfen, es ist ein Auftritt, den man nicht vergisst.

Wer kein Problem mit Theaterverfilmungen hat, die ihre Bühnenwurzeln nicht leugnen, sondern bewusst bedienen (wie etwa "Die zwölf Geschworenen" oder "Wer hat Angst vor Virginia Woolf?"), der darf sich auf ein wirklich packendes Filmerlebnis freuen. Selbst wenn man mit dem Milieu nichts anfangen kann und sämtliche Charaktere entweder bemitleidenswert, unsympathisch oder unangenehm sind - das ist ganz großes Schauspielkino, wie man es (fast) nicht mehr sieht, und spannend noch dazu. In der zweiten Hälfte schleicht sich auch noch sehr bitterer Humor ein. Für mich ein Meisterwerk, das viel mehr Aufmerksamkeit verdient.

9.5/10

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