Sonntag, 14. Februar 2010

Geheimagent (1936)

Alfred Hitchcocks GEHEIMAGENT aus dem Jahr 1936 kann zwar seinen britischen Meisterwerken wie den "39 Stufen" oder "Eine Dame verschwindet" nicht ganz das Wasser reichen, ist aber dank vieler interessanter Ansätze und guter Figurenzeichnung ein immer noch sehenswerter Klassiker.

John Gielgud spielt einen offiziell für tot erklärten Offizier, der als Geheimagent in die Schweiz geschickt wird, um einen Spion der Gegenseite zu enttarnen und zu beseitigen. Ihm zur Seite stehen die bezaubernde Madeleine Carroll sowie der an Skurrilität kaum zu überbietende Peter Lorre in einer Paraderolle, in der er alle Kollegen an die Wand spielt. Die fröhliche Agentenjagd nimmt aber bald tödlich ernste Züge an...

Hier liegt die große Stärke von GEHEIMAGENT. Hitchcock hat in keinem seiner Spionage-Thriller den Agenten zum Helden (à la James Bond) stilisiert, weder in den frühen britischen noch den späten US-Werken wie "Topas". Spionage ist ein schmutziges Geschäft, in dem es keine Gewinner, nur Verlierer gibt. Die Lizenz zum Töten ist keine Auszeichnung, sondern abstoßend und macht den Helden zum ungestraften Verbrecher. John Gielgud als Agent wider Willen verabscheut seinen Auftrag. Im Gespräch mit Truffaut erklärte Hitchcock rückblickend, dass dies den Film schwächen würde, da das Publikum keine Hauptfigur akzeptiere, die ihre Berufung nur widerwillig ausführe. In meinen Augen ist dies aber der interessanteste Aspekt des Films.

An seiner Seite spielt Madeleine Carroll die Vorläuferin aller Hitchcock-Blondinen. Die Verwandlung, die James Stewart später in "Vertigo" mit Kim Novak veranstaltet, findet sich bereits hier - Carroll wird extrem unglamourös eingeführt (inklusive Gesichtscreme und Haarnetz) und verwandelt sich vor unseren Augen in eine berückende Schönheit. Das ist zugleich entlarvend (der Blick hinter die Fassade) und schwarzhumorig. Der naiv-frivolen Agentin, die ihren Auftrag als aufregendes Abenteuer empfindet, nimmt Hitchcock später alle Illusionen, und mit ihr auch dem Zuschauer. Als ein Unschuldiger sterben muss (und zwar durch die Hand der Protagonisten!), ist das Abenteuer vorbei. Man muss es Hitchcock hoch anrechnen, die Publikumserwartung bewusst nicht zu bedienen und stattdessen wirklich etwas zu erzählen.
Eine große durchgehende Spannung bietet GEHEIMAGENT eher nicht, dafür aber viele kleine Details und originelle Szenen an pittoresken Schauplätzen - Verschwörungen in Kirchen, Verfolgungsjagden durch eine Schokoladenfabrik und ein gewaltiges Zugunglück im Finale. In einer Nebenrolle taucht kurz die junge Lilli Palmer auf und lässt sich von Peter Lorre anbaggern.

6.5/10

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