Mittwoch, 17. Februar 2010

Frantic (1988)

Als Roman Polanskis FRANTIC 1988 herauskam, war niemand so recht begeistert. Dem Film wurde vorgeworfen, zu konventionell und nach bekannten Mustern abzulaufen, man hatte sich deutlich mehr von einem Polanski versprochen. Heute straft FRANTIC alle Kritiker Lügen, denn er ist nicht nur fantastisch gealtert (nämlich überhaupt nicht), er ist auch einer der letzten großen Thriller seiner Art, und man sucht im modernen Thriller-Kino vergeblich einen Film mit ähnlich klassischer Erzählweise und grandiosen Atmosphäre, die den Zuschauer jederzeit direkt am Ort des Geschehens sein lässt.

FRANTIC ist in erster Linie eine lupenreine Hommage an Alfred Hitchcock. Die Anspielungen reichen von Ähnlichkeiten in Aufbau und Struktur über verspielte Details (wie z.B. dem legendären "MacGuffin", hier in Form einer Mini-Freiheitsstatue) bis zu Ennio Morricones stimmungsvoller Musik, die lange im Gedächtnis bleibt. Und doch ist FRANTIC mehr als nur eine große Verbeugung vor dem Meister. Polanski bietet neben seinem spannenden Plot einen faszinierenden Blick auf ein realistisches Paris jenseits jeder Postkarten-Idylle. Sein Paris ist grau, trüb und dreckig. Schon die ersten Bilder der Stadt zeigen anonyme Industrie-Hochhäuser, Werbetafeln und Müllwagen. Auf der Suche nach seiner verschwundenen Ehefrau stolpert Harrison Ford durch heruntergekommene Treppenhäuser, schmierige Wohnungen, Tiefgaragen und Bars, die wenig mehr als Drogenumschlagplätze sind. Fords Schwierigkeiten mit der fremden Sprache und französischen Mentalität sind genau beobachtet. Niemand inszeniert so gut die Kälte, unter Fremden in einem fremden Land zu sein, wie Polanski. In der Hauptrolle glänzt Harrison Ford mit seiner vielleicht besten Leistung - niemals erwartet man von ihm, den Helden herauszukehren (oder gar die Indiana Jones-Peitsche zu zücken), er bleibt konstant verwirrt, ängstlich und gestresst. In der besten Szene telefoniert er mit seinen Kindern daheim und muss so tun, als wäre alles in Ordnung, während er kurz vor einem Nervenzusammenbruch steht. Hier zeigt sich Ford nicht nur als sympathischer Kinoheld, sondern als Schauspieler. Emanuelle Seigner spielt in FRANTIC ihre erste von mehreren Filmrollen für Lebensgefährten Polanski und ist ein herrlich raffiniertes und vulgäres Luder, weit entfernt von der kühlen Hitchcock-Blondine, die man erwarten durfte, sondern eine authentische Figur, immer mit einem Bein im kriminellen Milieu, mit Vorliebe für Grace Jones und Kokain.
Für mich gehört FRANTIC zu Polanskis besten Filmen (und davon gibt es viele). Selbst wenn der Film im letzten Drittel vielleicht etwas nachlässt - ich kann ihn immer wieder sehen und bin aufs Neue begeistert von seiner tristen Atmosphäre und starken Spannung.

10/10

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