Mittwoch, 17. Februar 2010

Frances (1982)

Man mag kaum glauben, dass FRANCES eine wahre Geschichte erzählt, und zwar die der Schauspielerin Frances Farmer, die in Hollywoods Glanzzeit Mitte der 30er zu kurzem Starruhm kam und wegen einiger politischer Aktivitäten und ihrer "schwierigen Haltung" (sie zog das Theater dem Film vor und weigerte sich, in niveaulosen Filmen mitzuspielen) auf die schwarze Liste gesetzt, für geisteskrank erklärt, schließlich entmündigt und von einer Psychiatrie in die Nächste abgeschoben wurde, bis sogar - und das ist wohl der unglaublichste, schockierendste Punkt ihrer Biografie - eine Lobotomie an ihr vorgenommen wurde.

Der Film FRANCES hält sich dabei weitgehend an Fakten, die Figur des Harry York (gespielt von Sam Shepard), der Weggefährte und Erzähler der Geschichte, der oft als erfundene Figur bezeichnet wurde, basiert vage auf einer realen Person, wie dem Audiokommentar zu entnehmen ist. Was den Film so außerordentlich besonders macht, ist Jessica Lange. Nach dem gefloppten Remake KING KONG (1976), der sie zum Star machen sollte, aber allgemein nur lächerlich gemacht wurde, zog sich Lange für einige Jahre aus dem Filmgeschäft zurück und kehrte Anfang der 80er mit einigen sensationellen Leistungen zurück. FRANCES ist mit Abstand ihre bislang intensivste Leistung und gehört für mich zu den besten weiblichen Darstellungen der 80er.
Ironischerweise erhielt Lange 1983 zwei Oscar-Nominierungen gleichzeitig - für die beste Hauptrolle in FRANCES und die beste Nebenrolle in TOOTSIE, welchen sie auch gewann, obwohl ihre Leistung in FRANCES um Lichtjahre besser war (fairerweise muss man sagen, dass sie den Hauptrollen-Oscar an Meryl Streep verlor, die ihn für SOPHIE'S CHOICE ebenfalls verdient hatte).

In FRANCES ist Jessica Lange einfach atemberaubend, sie ist aufmüpfig, kämpferisch und eigenwillig, gleichzeitig auch neurotisch, labil und von einer krankhaften Hassliebe zu ihrer dominanten Mutter (großartig: Kim Stanley) bestimmt, die für ihren schlussendlichen Abstieg verantwortlich ist. Wenn Frances nach ihrer Lobotomie Harry auf der Straße begegnet, ist sie ein vollkommen anderer Mensch - nicht mehr fähig, Emotion auszudrücken, ein Schatten ihrer selbst, Jahrzehnte älter als zu Beginn des Films und gerade noch in der Lage, sich an ihre große Liebe zu erinnern, ohne sie aber zu fühlen. Das alles schafft Jessica Lange allein durch ihre Schauspielkunst.

Schwer zu ertragen sind die Psychiatrie-Sequenzen, in denen die unsäglichen Zustände und Praktiken von Heilanstalten dargestellt werden. So werden etwa gegen Bestechungsgelder nachts Soldaten in die Psychiatrie geschleust, um sich an den ruhiggestellten Patientinnen zu vergehen. Man möchte wegschauen, aber der Film zwingt den Zuschauer, hinzusehen. In dieser Hinsicht ist FRANCES viel mehr als eine Hollywood-Biografie. Dazu hat John Barry einen seiner eindringlichsten und schmerzhaftesten Filmscores komponiert. Es ist erstaunlich, dass Regisseur Graeme Clifford nach FRANCES keinen wirklich bedeutenden Film mehr gemacht hat, denn Schauspielführung und Inszenierung in FRANCES sind außergewöhnlich. Zudem fängt er die Schizophrenie der Epoche perfekt ein - der verlogene Hollywood-Glamour mit Champagner, Partys und edlen Kleidern wird von Clifford stets mit der Depressionszeit, den Arbeitslosen, den Hungernden konterkariert. Damit befindet er sich auf einer Ebene mit John Schlesingers brillantem "Tag der Heuschrecke" (1975), den ich in diesem Zusammenhang ebenfalls empfehlen möchte.

10/10

Jessica Lange als Frances Farmer

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