Mittwoch, 17. Februar 2010

Fessle mich! (1990)

Pedro Almodóvars FESSLE MICH! (Átame!) aus dem Jahr 1990 wurde seinerzeit heftig missverstanden und erhielt kaum Zuspruch von Kritikern und Publikum. Heute muss man feststellen, dass er zu den interessantesten und hoffnungsvollsten Werken des Regisseurs zählt.

FESSLE MICH! ist eine Liebesgeschichte, so wie Almodóvar die Liebe sieht. Der junge Ricky (Antonio Banderas) wird frisch aus der Psychiatrie entlassen und versteigt sich in die obsessive Liebe zur ehemaligen Pornodarstellerin Marina (Victoria Abril), die sich gerade als seriöse Schauspielerin versucht. Kurzerhand kidnappt er das Objekt seiner Begierde, fesselt sie, sperrt sie ein. Und sie verliebt sich in ihn...

Klingt kontrovers? Ist es auch, doch sollte man Almodóvar als Künstler nie unterschätzen. FESSLE MICH! ist keine Studie über das berüchtigte Stockholm-Syndrom, und Almodóvar liegt es fern, Aussagen über Frauen zu treffen, die nur in der Misshandlung Erfüllung zu finden, dafür hat er viel zu oft die Frauen in seinen Filmen gefeiert und ihnen großartige Rollen geschrieben. FESSLE MICH! ist die Geschichte zweier Außenseiter. Beide sind stark in ihrer äußeren Erscheinung, ihrem Auftreten, aber verletzbar und schwach im Inneren. Sie sind Kinder, die durch ein bizarres Spiel zusammen finden. Der zutiefst gestörte Ricky nimmt viel auf sich, um seine Liebe zu beweisen. Er lässt sich brutal verprügeln, er offenbart sich seiner Liebe, er gibt sich vollkommen hin. Marina hat das nie erlebt, und in den absurden "Opfern", die er bringt, entdeckt sie etwas, das sie anspricht. In Almodóvars Kosmos gibt es keine Schuldigen oder Unschuldigen, Täter oder Opfer. Alle Figuren handeln nur nach ihren Gefühlen, und die Liebe zwischen Marina und Ricky ist nicht nur glaubwürdig, sondern trotz aller politischer Unkorrektheit auch berührend. Daneben gibt es die für Almodóvar typischen Albernheiten, schrillste Dekors und Kostüme, extreme Nebenfiguren wie den an seinen Rollstuhl gefesselten Regisseur (Francisco Rabal), der sich nach Marina verzehrt - noch eine Fesselung, die der Liebe im Wege steht. Antonio Banderas spielt hier seine beste Rolle für Almodóvar, er ist der perfekte tragische Anti-Held, gleichzeitig männlich-stark und schutzbedürftig, beängstigend und sympathisch. In keinem seiner späteren Hollywood-Filme durfte er annähernd zeigen, was für ein präziser Schauspieler er sein kann. FESSLE MICH! war sein großer Durchbruch, leider wird er seitdem viel zu oft als klischeehafter Latin Lover eingesetzt. Victoria Abril spielte mehrfach für Almodóvar und liefert ein überzeugendes Porträt einer in jeder Beziehung ungewöhnlichen Frau.
Anzumerken wäre noch, dass FESSLE MICH! Seinerzeit einen ziemlichen Skandal verursachte - und zwar nicht etwa wegen seiner gewagten Geschichte, sondern wegen einer Szene, in der Victoria Abril in der Badewanne einen kleinen Spielzeugtaucher zur Erotisierung zweckentfremdet. Mit anderen Worten, die Moralapostel hatten mehr Probleme mit der selbst gelebten Sexualität der Frau als mit der Geschichte ihrer Unterdrückung durch den Mann. Dazu muss man nichts weiter sagen.

10/10

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