Montag, 15. Februar 2010

Fahrraddiebe (1948)

Mit FAHRRADDIEBE aus dem Jahr 1948 hat der italienische Regisseur und Schauspieler Vittorio de Sica eines der ganz großen Meisterwerke des italienischen Neorealismus gedreht.

Die Geschichte ist so simpel wie eindringlich - ein Familienvater (Lamberto Maggiorani) bekommt einen Job als Plakatkleber. Dafür braucht er ein Fahrrad. Als ihm sein eigenes aber bereits am ersten Tag gestohlen wird, droht ihm erneut die Arbeitslosigkeit. Vergeblich versucht er, das Fahrrad wieder zu bekommen, bis er schließlich selbst vor der Wahl steht, eins zu stehlen...

Kein Geringerer übrigens als der amerikanische Produzent David O. Selznick ("Vom Winde verweht") bot De Sica seinerzeit an, den Film zu produzieren und schlug Cary Grant als Hauptdarsteller vor. Das ist eine zwar interessante, aber vollkommen absurde Idee, denn De Sicas Film und Selznicks Produktionen trennen Welten. Sinn und Zweck des italienischen Neorealismus - zu dem auch Werke wie "Bitterer Reis" oder "Rom - Offene Stadt" gehören - war es, das Leben der Arbeiterklasse nach dem Zusammenbruch des Faschismus in aller Schonungslosigkeit und ohne geheuchelte Emotionalität zu schildern.

De Sica drehte wie seine Weggefährten an Originalschauplätzen mit wenig Aufwand und Laiendarstellern, um ein absolut authentisches Bild vom zerrütteten Nachkriegs-Rom zu zeichnen. Das ist ihm auf außerordentliche Weise gelungen. Der Film lebt und atmet den Geruch der Straßen und der Menschen, man ist immer dicht am Ort des Geschehens und würde zu gern eingreifen, helfen, doch man kann es nicht. Die Figuren in FAHRRADDIEBE sind keine Helden und werden nicht als solche stilisiert. Sie sind weder nobler noch stolzer als die Mächtigen, zwischen ihnen herrscht ebenso viel Neid und Missgunst wie zwischen den Klassen selbst. Sie versuchen nichts weiter als zu überleben, und für sie bedeutet der Verlust eines Fahrrads die finanzielle Katastrophe.

Gerade heute ist es wichtig, sich Filme wie FAHRRADDIEBE anzusehen und einen Moment darüber nachzudenken, worüber wir uns täglich beschweren und beklagen. FAHRRADIEBE ist darüber hinaus äußerst spannend erzählt, originell in den Einfällen und Charakterisierungen sowie thematisch vielschichtig - so werden etwa alle Möglichkeiten der Hilfe, von der Kirche über die Politik bis zu Wahrsagern, durchgespielt, und alle versagen. Im Neorealismus ist der Mensch auf sich allein gestellt, was hin und wieder zu fatalen Entscheidungen führt. Die große Kunst von De Sica ist es, in den bittersten Momenten der Figuren noch Humor zu finden, und wie nebenbei erzählt er neben seiner Handlung eine ergreifende Vater/Sohn-Geschichte. Das Ende des Films ist auf ehrliche Weise herzzerreißend und besitzt eine emotionale Kraft, die ihresgleichen sucht.

Ein Meisterwerk, durch und durch.

10/10

Keine Kommentare:

Kommentar veröffentlichen

Related Posts Plugin for WordPress, Blogger...