Sonntag, 14. Februar 2010

Fahrenheit 451 (1966)

"Lesen Sie die Bücher, die Sie verbrennen?"

Fahrenheit 451 ist die Temperatur, bei der Papier zu brennen beginnt. In dieser Zukunftsvision von Ray Bradbury (Autor der Vorlage) und Regisseur Francois Truffaut legen die Feuerwehrmänner Brände, anstatt sie zu bekämpfen, und was sie verbrennen, sind Bücher. Das totalitäre Regime befürchtet, die Menschen könnten durch Lesen eigene Gedanken entwickeln, eigene Wege gehen, Veränderungen wollen, das System anzweifeln, das darf nicht sein.

FAHRENHEIT 451 aus dem Jahr 1966 gehört zu den Klassikern des Sci-Fi-Kinos. Regisseur Truffaut (der übrigens nicht ganz zufrieden mit dem Film bzw. den Dialogen war, es sollte auch sein einziger in englischer Sprache gedrehter Film bleiben) verzichtet zur Darstellung seiner fernen und doch so nahen Welt auf Ausstattungsorgien und vertraut den Ideen und den Schauspielern.

Die Stimmung des Films ist trotz leuchtender Farben düster, langsam, traumähnlich, was insbesondere von Bernard Herrmanns wundervoller Filmmusik grandios unterstützt wird. Oskar Werner (der ohnehin zu meinen Lieblingsschauspielern zählt) agiert wie immer brillant als schlichter Durchschnittsmensch, der seinen Beruf/seine Berufung hinterfragt, er spricht übrigens auch die Synchronfassung. Julie Christie spielt die schwierige Doppelrolle (als Werners regimetreue, konsumwillige Ehefrau sowie als warmherzige Revolutionärin) mit viel Understatement und Nuancen.

Kameramann Nicolas Roeg schafft eindringliche Bilder und fotografiert insbesondere Julie Christie faszinierend (Roeg hat in sehr vielen Filmen der Schauspielerin die Kamera geführt und sie auch später als Regisseur in "Wenn die Gondeln Trauer tragen" inszeniert). Die wenigen Spezialeffekte können heute nicht mehr ganz überzeugen, aber das spielt keine Rolle. Hier geht es um anderes. Das Ende des Films ist in mehrere Richtungen interpretierbar, gleichzeitig hoffnungsvoll als auch hoffnungslos, je nachdem wie man es sehen möchte. Der Film bewahrt seine Geheimnisse, das macht ihn bei jedem neuen Sehen wieder aufregend.

FAHRENHEIT 451 ist heute nicht nur genau so wertvoll wie seinerzeit, sondern er ist noch aktueller denn je, und wer meint, Bücherverbrennung und staatliche Zensur wären nur intellektuelle Probleme, der täuscht sich gewaltig. Truffaut schildert deutlich, dass der Staat nur den Grundstein legt. Es sind die Unterdrückten selbst, die Mitläufer, Denunzianten, die Folgsamen, die das Unheil von oben nach unten weitertragen und eine Gesellschaft formen, in der niemand dem anderen vertrauen kann, in der das Anderssein, das Kreative, das Engagierte nicht existieren darf. Großes Kino, hypnotisch, packend, intelligent und zeitlos wichtig.

10/10

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