Mittwoch, 17. Februar 2010

Extremities (1986)

EXTREMITIES war im Jahr 1986 ein sensationeller Überraschungshit im Kino, was einem extrem guten Marketing (der Trailer ist brillant), aber auch der Qualität des Films an sich und der wirklich überragenden Leistung seiner Hauptdarstellerin Farrah Fawcett zuzuschreiben ist.

Der Inhalt: Marjorie (Fawcett) wird nach Feierabend von einem Maskierten überfallen und kann einer Vergewaltigung gerade noch entfliehen. Kurze Zeit später taucht der Vergewaltiger in ihrem Haus auf, das Marjorie mit zwei Freundinnen bewohnt. Nach vielen Demütigungen und einem verzweifelten Kampf kann sie den Täter überwältigen. Die Frage ist nun: was tun? Die Polizei würde ihn laufen lassen, da die versuchte Vergewaltigung nicht zu beweisen ist. Marjorie beschließt, ihren Peiniger zu töten und im Garten zu vergraben. Da kommen die Mitbewohnerinnen nach Hause, und es entbrennt ein Psychokrieg zwischen allen Beteiligten...

EXTREMITIES wurde vom Autor der Bühnenvorlage für den Film adaptiert, und bis auf die kurzen Eingangs-Sequenzen spielt sich das Drama um Gewalt, Schuld und Selbstjustiz ausschließlich im Haus von Marjorie ab. Die erste Hälfte, die das Aufeinandertreffen von Täter und Opfer darstellt, ist dabei an Intensität kaum zu überbieten und brillantes, verstörendes Kino. Farrah Fawcett, die als "Engel für Charlie" stets mit dem Image der hohlen Blondine ohne Talent zu kämpfen hatte, befreit sich hier von selbigem mit einer atemberaubenden, schauspielerischen Tour de Force. Fernab von jeglichem Glamour ist ihre Marjorie die sympathische Frau von nebenan, die durch einen Gewaltakt völlig aus der Bahn geworfen wird und bald selbst nicht mehr zwischen Recht und Unrecht unterscheiden kann. Dass Fawcett die verdiente Oscar-Nominierung versagt blieb, ist mir immer noch vollkommen unverständlich.

Die grandiose Leistung von James Russo als Vergewaltiger darf man dabei nicht übersehen. Mit dem Eintreffen der Freundinnen (Alfre Woodard und Diana Scarwid) verlässt der Film die vorige Subjektive von Marjorie und schildert die Vorgänge aus beobachtender, objektiver Position. Neben der brennenden Frage, was nun mit Vergewaltiger James Russo geschehen soll, untersucht EXTREMITIES auch die Dynamik zwischen den Freundinnen, die mit dieser Extremsituation umgehen müssen. Wie weit darf mach sich zum Mitschuldigen machen? Wie weit kann Freundschaft überhaupt gehen, und kann sie einer solchen Situation standhalten?

Was in dieser Schilderung vielleicht theoretisch klingt, ist in der filmischen Umsetzung ein emotional absolut packendes Kammerspiel. Warum der Film lange Zeit ab 18 Jahren freigegeben war, bleibt ein Rätsel, denn er trifft eine eindeutige moralische Aussage und kann gerade ein jüngeres Publikum für wichtige Themen sensibilisieren und mit Vorurteilen aufräumen (wie zum Beispiel die immer noch existierende Meinung, dass Frauen mit entsprechender Aufmachung eine Vergewaltigung "heraufbeschwören" würden). Mittlerweile ist er ab 16 Jahren freigegeben, das ist sehr begrüßenswert.

EXTREMITIES mag in manchen Momenten zu reißerisch sein, und das Ende vermag nicht ganz zu überzeugen (weil es eine wichtige Regel der Justiz außer Acht lässt), aber er trifft das Publikum an empfindlichen Stellen und geht schwer aus dem Gedächtnis. Wem ein aktueller Beitrag zum Thema weibliche Selbstjustiz wie "Die Fremde in dir" zu harmlos und einseitig scheint, der kann sich hier anschauen, wie man mit schwierigen Fragen deutlich gewagter und offensiver umgehen kann und nur so auch eine nachhaltige Wirkung erreicht.

10/10

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