Mittwoch, 17. Februar 2010

Eine fatale Entscheidung (2005)

Der französische Polizeifilm EINE FATALE ENTSCHEIDUNG (Le Petit Lieutenant) aus dem Jahr 2005 schildert die ersten Arbeitstage des jungen und naiven Kommissars Antoine (Jalil Lespert), der sich nach abgeschlossener Ausbildung auf der Polizeiakademie nach Paris versetzen lässt, wo er aufregende Ermittlungsarbeit erwartet, stattdessen aber mit der Routine des Alltags konfrontiert wird - bis es unerwartet zu einer wirklich gefährlichen Situation kommt, die alles ändert...

EINE FATALE ENTSCHEIDUNG bemüht sich in erster Linie um eine realistische Schilderung der Polizeiarbeit, und diese gelingt Regisseur und Autor Xavier Beauvois grandios. Er verzichtet vollkommen auf gängige Hollywood-Methoden, sein Film ist frei von Klischees, Typisierungen oder oberflächlichem Spannungsaufbau. In einer Rezension zu einer anderen DVD-Version des Films meint ein Rezensent, die Charakterstudien gingen auf Kosten der Spannung - für mich machen die Charakterstudien gerade die Spannung des Films aus. Der Mordfall, den Lespert unter der Leitung seiner Vorgesetzten Nathalie Baye bearbeitet (ein Mord an einem Obdachlosen), scheint zunächst nicht weiter spektakulär, doch die detailgetreue Ermittlungsarbeit ist fesselnd und bietet immer mehr Einblicke in die Seelen der Polizisten. Sie alle haben mit der Realität zu kämpfen, mit Verlusten, Entfremdung, Ungerechtigkeit, Berufs-Frust. Die Begeisterung des Neulings Antoine kann man auch als Zuschauer bald nicht mehr nachvollziehen, das Berufsbild des Kommissars ist weder glamourös noch verlockend, Gefahr und Tod sind nicht Nervenkitzel, sondern erschreckende Begleiter im Alltag.

Neben dieser realistischen und nüchternen Betrachtung aber kann der Film auch emotional packen, dafür leisten sämtliche Darsteller Spitzenleistungen, insbesondere die unglaubliche Nathalie Baye als Vorgesetzte, die mit ihrer noch nicht ganz überwundenen Alkoholsucht und Einsamkeit zu kämpfen hat. Baye erhielt einen verdienten "César" für ihre Darstellung. Ihr Verhältnis zum jungen Antoine bildet das Zentrum des Films. Sie gehen dienstlich und zögernd freundschaftlich miteinander um, ihre Zuneigung zu ihm ist mütterlich als auch unterschwellig erotisch und faszinierend zu beobachten. Auch hier wird nichts ausgesprochen oder dramatisiert, nur dargestellt. Jalil Lespert ist ideal als männlich-naiver Held, der gern zur Polizei möchte "wegen der Filme" und schließlich hart mit der Realität jenseits der Filme konfrontiert wird.
Der Film wagt nach der Hälfte eine mutige, überraschende Wendung, die zwar abzusehen, aber dennoch schockierend mitzuerleben ist und dem weiteren Verlauf der Handlung eine unglaubliche, emotionale Wucht verleiht.

EINE FATALE ENTSCHEIDUNG ist hierzulande vollkommen unbekannt, ich kann ihn aber jedem Liebhaber französischer Filme nur wärmstens ans Herz legen. Der Polizeifilm hat in Frankreich eine lange Tradition, die mit EINE FATALE ENTSCHEIDUNG meisterhaft fortgeführt wird. Es ist gut, dass es noch solche Filme gibt, die völlig auf oberflächliche Schauwerte verzichten und dafür reiche Charaktere, Menschen und ihren Umgang mit dem Leben zeigen. So unscheinbar der Film auch ist, er geht nicht mehr aus dem Gedächtnis.

09/10

Keine Kommentare:

Kommentar veröffentlichen

Related Posts Plugin for WordPress, Blogger...