Mittwoch, 17. Februar 2010

Ein Schrei in der Dunkelheit (1988)

EIN SCHREI IN DER DUNKELHEIT aus dem Jahr 1988 basiert auf wahren Begebenheiten. Bei einem Campingausflug in der australischen Wildnis verschwindet das Baby des Ehepaares Chamberlain (Meryl Streep und Sam Neill) spurlos. Lindy Chamberlain ist fest überzeugt, ein Dingo habe das Kind entführt, doch schon bald stehen sie und ihr Mann unter Mordanklage. Öffentlichkeit, Medien und das Gericht sind längst von ihrer Schuld überzeugt, auch ohne jeden Beweis...

Das Gerichtsdrama von Fred Schepisi gehört zu den Filmen, die weh tun, die wütend machen, es gehört nicht in die Reihe typischer Hollywood-Justizdramen mit überraschenden Zeugen und emotionalen Plädoyers. EIN SCHREI IN DER DUNKELHEIT ist eine Anklage gegen Doppelmoral und moderne Hexenjagden durch Presse und Gesellschaft, gegen Vorurteile und Vorverurteilungen. Der nicht lange zurückliegende Fall der verschwundenen Madeleine zeigt erschreckend, wie aktuell diese Geschichte nach wie vor ist, wie sehr Menschen bereit sind, auf der Suche nach einem Schuldigen für ein furchtbares Ereignis jeden in Betracht zu ziehen und in den Opfern ohne Beweise Täter zu vermuten (ob sie damit richtig oder falsch liegen, sei dahingestellt, das ist nicht der Punkt). Die Chamberlains sind zudem Mitglieder einer Adventsgemeinde und werden von Medien und Öffentlichkeit wie Satanisten behandelt, die Kinder für ihre "blutrünstigen Rituale" benötigen. Ein Kindersarg, den Sam Neill für eine Anti-Raucherkampagne in seiner Kirche verwendet, wird aufgestöbert und liefert den Anklägern noch mehr Indizien für die angeblich moralische Verkommenheit des Paares. Der Prozess verkommt zur Farce, Gerechtigkeit wird man in diesem Gerichtssaal nicht finden, wo sich mit Hilfe der Boulevard-Presse und ihrer Gier nach Schlagzeilen alle bereits "ihre Meinung gebildet haben" (Anspielung beabsichtigt).

Regisseur Schepisi legt besonderen Wert auf die Darstellung der Lindy Chamberlain durch Meryl Streep, die hier eine ihrer besten (und unglamourösesten) Leistungen zeigt. Ihre Lindy entspricht nicht dem Klischee des bemitleidenswerten Opfers, sondern sie ist eine harte, eigenwillige und in den Medien unsympathisch wirkende Frau, die allein deswegen schon schuldig zu sein hat und sich konsequent weigert (auch gegen den Rat ihres Anwalts) ein Schauspiel aufzuführen, sich zu verstellen, um als Opfer wahrgenommen zu werden. Streep taucht vollkommen in diesen schwierigen Charakter ein - man versteht, warum man diese Frau ablehnen kann und schämt sich gleichzeitig dafür. An ihrer Seite glänzt ein wie immer überzeugender, aber zurückhaltender Sam Neill, der zu den angenehmen Schauspielern zählt, die immer gute Leistungen zeigen, aber nie viel Aufhebens darum machen.
Man könnte Schepisi vorwerfen, einen polemischen Film inszeniert zu haben, der klar Partei ergreift. Er erinnert in Erzählweise und Absicht streckenweise an "Die verlorene Ehre der Katharina Bluhm", der sich dem gleichen Vorwurf aussetzen musste (wenngleich er fiktiv war), doch sind seine Beobachtungsgabe und sein (berechtigter) Zorn über eine zynische Maschinerie, aus der es für Normalsterbliche kein Entkommen gibt, so eindrucksvoll, dass zumindest ich nichts Negatives darüber sagen kann. Ein starker Film, der noch lange nachwirkt, und dessen geringer Bekanntheitsgrad vollkommen unangemessen ist.

08/10

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