Mittwoch, 17. Februar 2010

Ein Geheimnis (2007)

Der Kinderpsychologe Francois (Mathieu Amalric) befindet sich auf dem Weg zu seinem Vater, dessen Hund gestorben ist. Er erinnert sich an seine Jugend in den 50ern, an seine schöne Mutter (Cécile de France), den fordernden Vater (Patrick Bruel), und an die Freundin des Hauses (Julie Depardieu), die dem jungen Francois seinerzeit ein streng gehütetes Geheimnis erzählte, in welchem es um die Vergangenheit seiner Eltern und die tragische Familiengeschichte während der Besetzung durch die Nazis ging...

Regisseur Claude Miller (Das Verhör) verfilmte 2007 mit EIN GEHEIMNIS (Un Sécret) den autobiografischen Roman des Psychoanalytikers Phillipe Grimbert, der im Buch seine eigene Familiengeschichte aufarbeitete. Claude Miller ist seit den frühen 80ern ein Garant für anspruchsvolles französisches Kino, seine Filme beschäftigen sich häufig mit dem Familienverbund, schwieriger Kindheit und gestörten Vater/Sohn-Beziehungen (wie in dem hervorragenden Drama "Die Klassenfahrt", den es leider noch nicht auf DVD gibt).
EIN GEHEIMNIS spielt parallel auf drei Zeitebenen (Gegenwart, 50er und 30er Jahre). Die Gegenwart, die nur in wenigen Momenten als Klammer dient, ist dabei überraschend in Schwarzweiß gehalten, während die 50er, in denen Francois seine Eltern idealisierte, geradezu verführerisch farbenfroh geschildert werden. Da der junge Francois bis zur Enthüllung des Geheimnisses nichts über die Vergangenheit seiner Eltern weiß, stellt er sich deren Kennenlernen als romantische Liebesgeschichte vor und träumt von einem Bruder, der den Anforderungen des sportbegeisterten Vaters besser gerecht wird als der schmächtige, introvertierte Francois dies kann.
Das tragische Geheimnis, auf das der Film zusteuert, lässt sich kurz vor der Enthüllung bereits erahnen, Millers Bilder aber bleiben trotz der erschütternden Erzählung stets sanft und ruhig, sein Film wird in keiner Sekunde effekthascherisch oder überdramatisiert. Die Figuren leiden sämtlich im Inneren und geben ihre Schuldgefühle und ihr Leid an die nächste Generation weiter - in diesem Fall an Francois, der die Last der Vergangenheit auf seinen schmalen Schultern trägt, ohne zu wissen, worin diese eigentlich besteht.
Das Schicksal der Angehörigen von Holocaust-Opfern und das Schuldgefühl der Überlebenden ist nicht so häufig Filmthema, wie man vermuten könnte (ein gelungenes Beispiel ist "Sophies Entscheidung", der einige Parallelen aufweist), EIN GEHEIMNIS macht die Schrecken des Nazi-Terrors schmerzhaft deutlich, insbesondere in einer Szene, in welcher der junge Francois im Schulunterricht Dokumentarmaterial über Konzentrationslager und Massengräber betrachtet und ein Mitschüler sich darüber lustig macht, woraufhin Francois ihn verprügelt. Vieles, was der junge Francois erlebt und empfindet, wird erst später durch die Offenbarung des Geheimnisses verständlich, und Claude Miller vertraut auf die Konzentration des Zuschauers, das Gesehene im Rückblick neu zu deuten.

EIN GEHEIMNIS beeindruckt durch die exzellente Besetzung, besonders die anmutige Cécile de France (Chanson d'Amour) begeistert, hinter deren betörender Fassade die Verzweiflung sichtbar wird. An ihrer Seite spielt Patrick Bruel den stolzen Macho und Übervater, den ein weggeworfenes Kinderspielzeug (ein Stofftier mit symbolischer Bedeutung für alle Beteiligten) aus der Fassung bringt. Ludivine Sagnier taucht relativ spät auf und wird zur Schlüsselfigur der Ereignisse in den 30ern. Der Erzähler Francois wird gleich von drei Schauspielern dargestellt, als Kind, Jugendlicher und Erwachsener, wobei Claude Miller wunderbare visuelle Brücken schafft - etwa wenn der Teenager Francois ins Elternhaus kommt, und die Kamera nach einem kurzen Schwenk das Kind Francois erfasst und mit dessen Geschichte fortfährt.
Claude Miller ist mit EIN GEHEIMNIS erneut ein behutsames und psychologisch faszinierendes Drama gelungen, das völlig ohne Kitsch und falsche Emotionalität auskommt. Schön, dass es solche Filme noch gibt.

08/10

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