Mittwoch, 17. Februar 2010

Dressed to Kill (1980)

Eine untreue Ehefrau, ein Mörder mit Identitätsproblemen und Rasiermesser, ein Computer-Genie und ein Callgirl auf der Spur des Killers. Mit DRESSED TO KILL schuf Brian De Palma 1980 den für mich erregendsten und spannendsten Psycho-Thriller der 80er. Der Film war ein weltweiter Hit und zog mehrere Imitationen nach sich, dabei ist er selbst eine mehr als deutliche Hommage an Alfred Hitchcocks "Psycho" (1960), dessen Struktur er sich hemmungslos bedient, dabei aber stilistisch und auch inhaltlich völlig andere Wege geht.

DRESSED TO KILL erzählt von der sexuell frustrierten Hausfrau Kate (Angie Dickinson), die eines Nachmittags bei einem Museumsbesuch einen Fremden kennenlernt und ein heißes Schäferstündchen in seinem Apartment verbringt. Nicht nur muss sie aber erkennen, dass sie sich wahrscheinlich mit einer Geschlechtskrankheit angesteckt hat, auf der "Flucht" aus dem Liebesnest hat sie eine weitere mörderische Begegnung...

Mehr darf/kann/will ich nicht verraten. Vom ersten Filmmoment an gelingt Brian De Palma eine so dichte Spannung und Atmosphäre der konstanten Bedrohung, dass es einem den Atem verschlägt. Höhepunkt des Films ist die mittlerweile berühmte Museums-Sequenz, die vollkommen dialogfrei abläuft. Die gnadenlos bewegliche Kamera sowie die überwältigende Musik von Pino Donaggio übernehmen die Erzählung (ursprünglich wollte De Palma hier einen Voice-Over von Angie Dickinson einfügen, entschied sich dann aber für die künstlerische Variante). Das Kennenlernen von Dickinson und ihrem attraktiven Unbekannten wird zum Katz- und Mausspiel, zur Jagd, bei dem Jäger und Beute die Rollen tauschen. Die erotisch aufgeladene Sequenz mündet in spontanem Sex auf dem Rücksitz eines Taxis (Hitchcock erklärte gegenüber Truffaut seine Idealvorstellung einer Leinwandheldin, die kühl und zurückhaltend agiert, auf dem Rücksitz eines Taxis aber unaussprechliche Dinge tut). Die Szene entsprang übrigens De Palmas Drehbuchfassung zu "Cruising" (verfilmt von William Friedkin), welche dort abgelehnt wurde.

Weitere unvergessliche Highlights sind ein unerwarteter, blutiger Mord im Fahrstuhl, Nancy Allens Flucht durch die New Yorker U-Bahn, der finale Ausbruch des Killers aus der Psychiatrie, und und und... Großartig, wie De Palma das Cinemascope-Format benutzt, um kleinste Details im Bild auftauchen und verschwinden zu lassen. Schon bevor der erste Mord geschieht, können wir den Mörder bei seiner Observation entdecken. Zeitlupe und Split-Screen werden brillant zum maximalen Spannungsaufbau genutzt. Niemand kann einen Türknauf oder ein paar Schuhe so bedrohlich inszenieren wie De Palma. Das Thema der Duplizität wird in allen Bereichen ausgelotet, so besitzen z.B. alle Charaktere zwei Gesichter (Nancy Allen führt gleichzeitig zwei völlig unterschiedliche Telefonate, Michael Caine betrachtet sich als Psychiater stets im Spiegel), was den Film immer wieder zum Erlebnis macht.

DRESSED TO KILL erregte großes Aufsehen schon während der Dreharbeiten. Wütende Feministinnen gingen auf die Straße, um gegen den Thriller zu protestieren, weil er aus ihrer Sicht Gewalt gegen Frauen verherrliche, ganze Kampagnen wurden gegen den Film gestartet. Wer aber genau hinsieht, wird nicht nur bemerken, dass hier keine Frau für ihren Geschlechtstrieb "bestraft" wird (genau das war der Vorwurf), im Gegenteil - Nancy Allen als sympathisches Callgirl darf nicht nur höchst unmoralisch agieren, sondern auch noch den Fall schlussendlich lösen. Angie Dickinson wird als reife Frau mit sexuellen Wünschen ernst genommen und mit Liebe inszeniert. Sie ist die tragische Figur von DRESSED TO KILL, der eine Großstadt-Hölle zeigt, in denen die Gewalt allgegenwärtig ist.

Einer meiner Top 10-Filme.

10/10




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