Mittwoch, 17. Februar 2010

Dolores (1995)

Die Stephen King-Verfilmung DOLORES ging 1995 im Kino völlig unter, vermutlich weil der Name King einen Horror-Stoff suggerierte, der DOLORES definitiv nicht ist. Auf jeden Fall hätte er mehr Aufmerksamkeit verdient, denn hier handelt es sich sowohl um eine der besten King-Adaptionen als auch um ein intensives Frauendrama, das seine ernsten Themen Mord, Gewalt in der Ehe und Kindesmissbrauch niemals zu melodramatischer Manipulation benutzt, sondern mit seiner exakten Figurenzeichnung und einer tristen Atmosphäre tief beeindruckt und lange im Gedächtnis bleibt.

Kathy Bates spielt in DOLORES - fünf Jahre nach ihrem sensationellen Durchbruch mit der King-Verfilmung Misery (Gold Edition) - die verwitwete Dolores Claiborne, die zurückgezogen an der Küste lebt und des Mordes an ihrer Arbeitgeberin, angeklagt wird. Dolores' Tochter Selena (Jennifer Jason Leigh) reist aus New York an, um ihrer Mutter zu helfen, beide haben aber eine tief gestörte Beziehung zueinander. Allmählich können sich die beiden annähern, dabei kommen schreckliche, verdrängte Ereignisse aus beider Vergangenheit ans Licht...

DOLORES wurde inszeniert von Taylor Hackford, einem stark unterbewerteten Regisseur und exzellentem Schauspielführer. Kathy Bates liefert eine Meisterleistung als gedemütigte, aber ruppige und eigenbrötlerische Frau ab, der alles im Leben - mit Ausnahme ihrer Tochter - egal ist. Selbst die Mordanklage lässt sie kalt, die von ihrem Widersacher, dem örtlichen Staatsanwalt (Christopher Plummer in einer wunderbaren Altersrolle), vorangetrieben wird, weil er noch eine alte Rechnung mit ihr offen hat. Bates beeindruckt allein schon durch ihr ungeschminktes, überzeugend wettergegerbtes Gesicht. Man vergisst die Schauspielerin und glaubt, dass diese Dolores ihr Leben an der Küste mit harter Arbeit verbracht hat. Jennifer Jason Leigh brilliert wie so oft als hypernervöse, innerlich zerrissene Tochter, die sich gleichzeitig der Mutter entziehen will, sich aber auch nicht von ihr lösen kann. Die Details, mit denen Leigh ihre Figur ausstattet, sind bemerkenswert (etwa ihre geradezu manische Besessenheit für Handcreme).

Regisseur Hackford taucht das düstere Geschehen in bedrückende Bilder, kalte Blautöne, deprimierende Sets und ständigen Nieselregen.
Die Rückblenden in Dolores' Vergangenheit und Selenas Kindheit sind dagegen farbenfroh und sommerlich, diese "glücklichen" Tage aber sind nur Illusion. Der Höhepunkt der damaligen Ereignisse spielt bezeichnenderweise während einer Sonnenfinsternis, die das Leben der Frauen bis heute verdunkelt hat. Danach folgt mit einer weiteren Erinnerung - diesmal von Tochter Selena - eine Sequenz, bei der Taylor Hackford das Risiko eingeht, den Zuschauer komplett zu verlieren, indem er ihm nichts erspart, doch das Risiko zahlt sich aus.

Seine Themen hätten leicht einen typisch tränenreichen TV-Film der Woche ergeben können, doch unter Hackfords sensibler Regie und mit Stephen Kings differenzierten Charakteren ist DOLORES anspruchsvolles Kino geworden. Man verlässt DOLORES nicht gerade in guter Stimmung, zu niederdrückend ist die Geschichte (vielleicht auch ein Grund für den Misserfolg), aber doch mit dem befriedigenden Gefühl, einen wirklich guten Film gesehen zu haben. Bis heute ist er vollkommen unterschätzt und zu Unrecht ignoriert. Von mir eine klare Empfehlung.

08/10

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