Mittwoch, 17. Februar 2010

Die Zeit, die bleibt (2005)

"Die Zeit die bleibt" erzählt die letzten Wochen im Leben des schwulen Modefotografen Romain (Melvil Poupaud), der unheilbar an Krebs erkrankt ist. Der Film begleitet ihn zu den Menschen, die ihm nahe stehen und letztlich auch zu seinem Tod.

Francois Ozon ("8 Frauen", "Swimming Pool") hat sich bereits zum zweiten Mal des Themas Tod angenommen. Nach dem ungeheuer eindringlichen "Unter dem Sand" mit Charlotte Rampling (sehr zu empfehlen), in dem es um den Abschied von einem geliebten Menschen geht, handelt "Die Zeit die bleibt" vom eigenen, ganz persönlichen Abschied. Er ist leise, melancholisch, fast intim, und Ozons großartigste Leitung besteht darin, dass sein Film zwar sehr traurig ist, aber niemals deprimiert oder den Zuschauer quält.

Kritiker haben dies vereinzelt dem Film vorgeworfen und dies als Oberflächlichkeit verurteilt. Tatsächlich erfahren wir weder etwas Genaues über Romains Krankheit, und außer in einigen Momenten, in denen er zu Schmerzmitteln greift, sehen wir niemals die Realität des Sterbeprozesses. Ozon geht es um etwas anderes, um Erinnerungen, Aussichten und das Abschließen von Beziehungen. Romain kann sich zunächst nur seiner Großmutter (die große Jeanne Moreau in einer beeindruckenden Rolle) anvertrauen, weil sie "ebenfalls bald stirbt" (Zitat). Den Rest macht er mit sich alleine aus. Als eine Kellnerin ihn fragt, ob er mit ihr schlafen wolle (sie kann mit ihrem Mann kein Kind bekommen, obwohl beide sich eins wünschen), lehnt er zunächst ab, geht aber später darauf ein, weil er etwas hinterlassen, weitergeben möchte.
Die Kellnerin wird gespielt von Valeria Buni-Tedeschi, die bereits in Ozons "5x2" die Hauptrolle spielte, und auch hier ist jeder ihrer Auftritte sehenswert, amüsant und eindringlich. In einer wundervollen Einstellung blickt sie Romain durch die Scheibe ihrer Autobahn-Raststätte nach, und in ihrem Blick spiegelt sich ihre ganze Sehnsucht wieder. Hauptdarsteller Melvil Poupaud geht ebenfalls ganz in seiner Rolle auf und macht im Lauf des Films eine erstaunliche körperliche Wandlung durch. Er ist am Ende ein anderer Mensch, sowohl äußerlich wie auch emotional, wobei Ozon auf jede Hollywoodsche Dramaturgie verzichtet. Weder bekommen wir große Versöhnungen, Zusammenbrüche noch das Heil der Familie zu sehen. Romains Abschied vollzieht sich still und leise, man mag beim Zusehen kaum laut atmen oder gar sprechen.

Kritiker haben Ozon ebenfalls vorgeworfen, dass Romain ein unsympathischer Zeitgenosse ist (er ist beleidigend, verletzend und ständig unter Koks). Dazu kann ich nur sagen, wie zynisch muss man als Kritiker und Zuschauer sein, wenn man mit einer todkranken Hauptfigur nur mitleiden kann, wenn diese auch noch nett und freundlich ist? Das ist ein ganz schlimmes Zeichen unserer Zeit, in der sämtliche Filmfiguren nur noch weichgespült, politisch korrekt und sterbenslangweilig sein dürfen (oder spätestens am Filmende zu Gutmenschen gworden sind), damit auch ja niemand abgeschreckt wird. Danken wir Francois Ozon, dass er sich diesem Diktat nie beugt!

"Die Zeit die bleibt" ist ein kleiner Film, obwohl Ozon hier zum ersten Mal das Cinemascope-Verfahren benutzt und die Breite des Bildes gut auszunutzen versteht. Neben allem, was er leistet, hat er aber auch kleinere Schwächen. So ist die Beziehung Romains zu seinem Lover, gespielt von Christian Sengewald, nie wirklich glaubwürdig, was an der mangelnden Chemie zwischen den Darstellern liegen mag. Während Ozon sonst sehr klar in seiner Darstellung ist, bleibt diese "Liebe" immer merkwürdig unterentwickelt, und die Gefühle beider füreinander werden nie deutlich. Ihre Szenen sind zudem geprägt von seltsam hölzernen Dialogen (auch im Original), man kann sie bestenfalls als Fassbinder-Hommage verstehen, der ja das erklärte Vorbild Ozons ist. Hier inszeniert er mehr Theater als Film, und die Sequenzen passen irgendwie nicht zum Rest des Ganzen.
Dazu gesellen sich ein paar unnötige Klischees und einige ebenso überflüssige Momente, in denen der "junge Wilde" Ozon plötzlich durchbricht und sein bürgerliches Publikum schockieren möchte, z.B. durch die drastische Darstellung von Darkroom-Sex inklusive Fisting. Diese Momente stören den Fluss der Erzählung und sind - mit Verlaub - weit weniger schockierend als der Film uns glauben machen möchte. Und während man "5x2" oder "Swimming Pool" immer wieder sehen kann und dabei unzählige neue Details entdeckt, bleibt ein zweites Sehen von "Die Zeit die bleibt" etwas unbefriedigend.

Wenn Romain sich am Ende an den Strand seiner Jugend setzt und den Sonnenuntergang beobachtet, wird man unweigerlich an Ozons "Unter dem Sand" erinnert, und man muss feststellen, dass "Die Zeit die bleibt" im Ganzen nicht an dieses Meisterwerk heranreicht.
Dennoch, abseits vom Mainstream ist "Die Zeit die bleibt" emotionales und wichtiges französisches Kino, gleichzeitig unendlich traurig und dennoch in seiner Leichtigkeit und ungeheuren Ruhe sehr unterhaltsam - ein Balanceakt, der hierzulande niemals möglich wäre.

07/10

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