Dienstag, 16. Februar 2010

Die Verdammten (1969)

Im Februar 1933 brennt der Reichstag, und die Familie von Essenbeck (eigentlich die Krupps) sitzt gerade noch beim eleganten Abendessen. In der kommenden Nacht wird das Familienoberhaupt getötet, die Familie auseinandergerisen, aus Unschuldigen werden Gejagte, Opportunisten machen Karriere unter den Nazis, alles Gute und Menschliche wird pervertiert. Herzlich Willkommen im Kreis der Verdammten!

DIE VERDAMMTEN gehört für mich eindeutig zu den besten Regie-Arbeiten des Meisters Visconti, selbst wenn er vielen Zuschauern immer noch unbekannt ist und bei seinem Erscheinen äußerst umstritten war. Opernhafte Dekadenz wurde Visconti vorgworfen, und das ausgerechnet bei diesem Thema.
Was Viscontis Epos von thematisch ähnlich gelagerten Filmen unterscheidet, sind neben den überzeichneten Figuren und teilweise grotesken Darstellerleistungen seine deutlichen Obsessionen und schier surrealen Einfälle. Eine Oper, ja, aber was für eine!

Hier wird eine Ära nicht unter pseudo-diskretem Ernst begraben, stattdessen besitzt der Film einen bösartigen Humor und schreckt auch vor totaler politischer Unkorrektheit nicht zurück. Helmut Berger als Marlene Dietrich, ein Saufgelage von Nazis in Strapsen und die finale Hochzeit von Bogarde und Thulin als bleiches Vampir-Paar sind nur einige der absurden Ideen, die dem genialen Kopf des Regisseurs entspringen und den Wahnsinn der Zeit perfekt wiederspiegeln.

Das prominente Darsteller-Ensemble spielt ohne Ausnahmen auf höchstem Niveau und ohne Angst vor Tabus. Helmut Berger, der den Film als Marlene Dietrich-Imitation betritt, wurde mit diesem Film zum Star. Seine Wandlung vom sexuell verwirrten Jungen zur Personifizierung des Bösen ist eines der sehenswertesten Elemente dieses Werks, das neben "Macbeth" auch noch weitere klassische Vorbilder zitiert und auch vor dem Horrorfilm nicht zurückschreckt, wenn Ingrid Thulin und Dirk Bogarde am Ende als bleiches Vampir-Pärchen enden. Der Score von Maurice Jarre ist gewöhnungsbedürftig, aber nicht minder brillant.

DIE VERDAMMTEN ist Familienepos, Zeitgeschichte, Farce, Oper, Horrorfilm und Tragödie gleichzeitig. Ein Leckerbissen für Cineasten.

10/10


Kommentare:

  1. Hallo Mathias,

    DIE VERDAMMTEN ist auch ein Film, den ich erst nach mehrmaligem Betrachten verdauen und einordnen konnte. Er hat unheimlich starke Szenen, so natürlich auch die mit H. Berger als M. Dietrich. Wenn Du übrigens Herrn B. jüngst in der 60er Jahre ZDF-Show von Herrn Gottschalk verpasst haben solltest, dann ist Dir wirklich ein kleines Fernseh-Highlight entgangen ! Die Jahre können jedenfalls grausam sein.

    Man hätte den Film 'straight' also direkt drehen können und es wäre ein passabler Streifen draus geworden. Aber Viskonti hat DIE VERDAMMTEN natürlich mit italienischem Bombast gestalten und schlussendlich wirkt der Film auf mich zu unausgeglichen und zu dialoglastig. Was ich an vielen italienischen Filmen (inkl. Deinen Giallos) auszusetzen habe ist, dass sich deren Macher meiner Meinung nach zu sehr in 'schöne Bilder/Szenen' verlieben, dabei aber das Ganze aus den Augen verlieren. Ich weiss, dass ist natürlich Geschmacksache.

    Trotzdem gönne ich dem Fan-Zirkel dieses opulenten Werkes uneingeschränkten Genuss !

    Zu Maurice Jarre : er gehört zusammen mit Jerry Goldsmith, John Williams, Max Steiner,
    Miklos Rosza, David Shire und Bernard Herrmann zu meinen Lieblingsfilmkomponisten. Selbst wenn ich beim Vorspann nicht auf seinen Namen geachtet habe, so erkenne ich Jarres Töne doch immer aus dem Werk heraus.

    Alles Gute !
    Ralf

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  2. Maurice Jarre finde ich auch hervorragend, seine Elektro-Soundtracks in den späten 80ern waren mir aber etwas zu austauschbar (Fatal Attraction, Gorillas in the Mist, No Way Out, etc.), da hat er in den 70ern deutlich bessere komponiert, oder?

    Herrn B. habe ich tatsächlich verpasst, habe ihn aber vor kurzem bei Beckman gesehen und war schon erschrocken. Niemals aber werde ich ihn bei Harald Schmidt vor einigen Jahren vergessen, wo er aufreizend fragte: "Warum kommen Sie nicht zum Abendessen... zu MIR?" ... herrlich!

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  3. Hi Mathias,

    zu M. Jarre : sein letzter Score an den ich mich erinnere war FIREFOX (1980). Spätere Titel habe ich nicht mehr im Ohr. Immerhin zählt für mich seine Arbeit zu DR. SCHIWAGO zu den besten Soundtracks aller Zeiten.

    zu H. Berger : ich habe seine Autobiografie gelesen, in der er recht offen mit seiner Person umgeht. Berger, Dallesandro und ein bischen auch H. Buchholz gehörten m.E. zu der Gruppe von Filmakteuren, deren Karrieren im Wesentlichen auf gutes Aussehen basierten und die dadurch etwas kürzer waren.

    Gruss

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