Montag, 15. Februar 2010

Die rote Lola (1950)

Alfred Hitchcocks DIE ROTE LOLA (Stage Fright) aus dem Jahr 1950 mag nicht zu den großen Werken des Filmgenies gehören, doch schwach ist er ganz sicher nicht. Man sollte nur keinen komplexen Thriller mit reichlich Subtexten erwarten. DIE ROTE LOLA (was für ein furchtbarer deutscher Verleihtitel!) ist ein großer Spaß - amüsant, streckenweise spannend, hervorragend gespielt und skurril in der Figurenzeichnung. Sehr britisch und doch voller Hollywood-Glamour, dank der unvergleichlichen Marlene Dietrich, die den Film veredelt.

Zur Story: Hat Jonathan Cooper (Richard Todd) den Ehemann seiner Geliebten (Dietrich) auf dem Gewissen? Seine Freundin, die Schauspielschülerin Eve (Jane Wyman) jedenfalls hält ihn für unschuldig und versucht, den Fall auf eigene Faust zu lösen. Dabei gerät sie zwischen alle Fronten und muss ständig neue Rollen spielen...

Zu Beginn der ROTEN LOLA wird ein Theater-Vorhang hochgezogen. Damit ist sofort klar, dass man alles Folgende nicht allzu ernst nehmen sollte. Obwohl Jane Wyman die unumstrittene Hauptrolle spielt (und zwar bezaubernd), überlässt Hitchcock den Film fast vollständig Marlene Dietrich, die in ihren Szenen alles und jeden an die Wand spielt. Dazu wird sie noch fantastisch fotografiert, trägt geradezu wahnsinnige Kostüme und darf sich in Posen räkeln, wie nur sie es kann. "La Vie en Rose" und "I'm the Laziest Girl in Town" gibt sie zum Besten, wen interessiert da noch die Frage nach dem Täter? Dietrich beherrscht den Film und liefert zudem noch eine exzellente Darstellung. Das tun übrigens alle in diesem herrlichen Ensemble.

DIE ROTE LOLA lebt auch von seinen Nebendarstellern (sämtlich britische Bühnenstars), sei es Alastair Sim als skurriler Vater von Jane Wyman, Sybil Thorndike als exzentrische Mutter mit Hang zum Alkohol, oder Kay Walsh als biestige Zofe. Überhaupt ist DIE ROTE LOLA ein wunderbarer Frauenfilm, die Männer spielen nur untergeordnete Rollen. Michael Wilding muss sich nicht nur mit dem langweiligen Part als Ermittler begnügen, er darf auch nichts wirklich ermitteln, Jane Wyman erledigt die ganze Arbeit. Richard Todd als (vielleicht) unschuldig Verdächtiger ist nur eine Randfigur. Einige Themen aus Hitchcocks Gesamtwerk kommen neben der ganzen Alberei dennoch zum Tragen - die verlorene Unschuld (im übertragenen Sinne) der naiven Heldin, das Spiel mit Rollen (eine Schauspielerin muss im Leben Rollen spielen), das Theaterleben (auf und hinter der Bühne).

Und schließlich gehört DIE ROTE LOLA zu Hitchcocks humorvollsten Filmen. In meinem persönlichen Lieblingsmoment hat sich Jane Wyman gerade bis zur Unkenntlichkeit verkleidet und probiert die neue Identität an ihrer Mutter aus, die sie nach nur kurzem Blick mit "Hallo Eve, da bist du ja, ich kann meine Brille nicht finden" begrüßt, wobei Wyman fast die Zigarette aus dem Mund fällt.

DIE ROTE LOLA beginnt mit einer Rückblende, die sich später als Lüge herausstellt. Hitchcock war im Rückblick überzeugt, dass man sein Publikum nicht so hintergehen darf. Darüber kann man geteilter Meinung sein. Der Überraschungseffekt ist allerdings unbestritten groß und sehr unterhaltsam, ebenso wie der ganze Film. Natürlich spielt DIE ROTE LOLA nicht in der gleichen Liga wie VERTIGO oder REAR WINDOW, aber er hat einen unwiderstehlichen Charme, wird nicht älter und macht immer wieder Freude. In meiner Filmsammlung möchte ich ihn auf keinen Fall missen.

10/10


'The Laziest Gal in Town' - Wer wohl? Marlene Dietrich!


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