Mittwoch, 17. Februar 2010

Die Reisen des Mr. Leary (1988)

Reiseführer-Autor Leary (William Hurt) ist ein trauriger Mann, der sich von seiner Umwelt isoliert hat. Sein kleiner Junge ist gestorben, seine Frau (Kathleen Turner) hat ihn verlassen, und jetzt fängt auch noch sein Hund an, zu beißen. Eine ungewöhnliche Hundepsychologin (Geena Davis) kümmert sich um den Hund und holt nebenbei das Herrchen behutsam zurück ins Leben und die Liebe...

Die Tragikomödie DIE REISEN DES MR. LEARY aus dem Jahr 1988, nach dem Bestseller von Anne Tyler, ist so erstaunlich sensibel, still und komplex erzählt, dass man kaum glauben kann, ein Hollywood-Mainstream-Produkt mit Starbesetzung vor sich zu haben. Regisseur Lawrence Kasdan verhalf dem Duo Hurt/Turner 1981 mit seinem Erstling "Body Heat" zu Starruhm, hier vereint er die beiden gereiften Darsteller nun in völlig anderen Rollen, ihre Chemie stimmt aber nach wie vor, auch wenn Turner hier eine sehr viel kleinere Rolle spielt. MR. LEARY erzählt von Trauerarbeit, Verlust und der Angst vor dem Leben. Obwohl Leary die Welt bereist, kann er sich ihr nicht öffnen, hat er kein Gefühl für andere, weder Orte noch Menschen. "Wiegen Sie sich nicht in einem falschen Gefühl der Sicherheit", schreibt er in seinen Reiseführer und merkt nicht, dass er selbst sich stets an die vermeintliche Sicherheit klammert. Der neuen Liebe zu Geena Davis kann er sich nicht stellen - als Ehefrau Kathleen Turner ihn zurück will, geht er, ohne zu überlegen. Erst spät begreift er, dass es so etwas wie Sicherheit nicht gibt, und dass jedes Risiko auch die Chance auf Glück bietet.

Das alles wird von Lawrence Kasdan in gedämpften Bildern, mit viel Wärme und skurrilem Humor inszeniert. Kein unnötiges Wort fällt, sämtliche Nebenfiguren wie Learys Geschwister oder Verleger Bill Pullman (in einer seiner besten Rollen) sind neurotische Bündel voller Ängste und Zweifel, mit merkwürdigen Marotten und Eigenarten, über die man lachen kann, die uns aber auch erschreckend ähnlich sind. Wenn Learys Schwester Rose zu Thanksgiving ein neues Kochrezept ausprobiert, geraten alle in eine Familienkrise, das ist bereits zuviel Veränderung.

Das Darsteller-Ensemble spielt dabei auf allerhöchstem Niveau, allen voran der großartige William Hurt, der sein inneres Gefühlschaos nie nach außen transportiert. Wenn er sich Geena Davis zum ersten Mal öffnet, geschieht das stumm und ist von unglaublicher Intensität. DIE REISEN DES MR. LEARY war der große Verlierer bei der Oscar-Verleihung 1989, einem fantastischen Jahr für den amerikanischen Film, nur Geena Davis erhielt die Trophäe für ihre subtile Darstellung, absurderweise für die beste Nebenrolle, obwohl ihr Part wesentlich größer ist als der von Hauptdarstellerin Turner. John Williams hat einen seiner schönsten Scores für den Film komponiert, und Kasdan hält mühelos die Balance zwischen leiser Komödie und Drama. Er rührt zu Tränen, ohne je kitschig zu werden. Und er verweist im besten Fall auf den Zuschauer selbst, der sein Leben kurz an dem des Mr. Leary messen kann.

09/10

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