Mittwoch, 17. Februar 2010

Die neun Pforten (1999)

Die Zeit hat den "Neun Pforten" sehr gut getan. Als der Film seinerzeit herauskam, wurde er von Kritikern und Publikum größtenteils verrissen oder ignoriert, doch mittlerweile darf man sagen, dass er nicht nur zu Roman Polanskis besten und intelligentesten Arbeiten zählt, sondern ein kleiner moderner Klassiker des Horrorfilms geworden ist. Denn "Die neun Pforten" hat im Gegensatz zu vielen modernen Horrorfilmen eine komplexe Geschichte, eine wundervoll düstere und gleichzeitig realistische Atmosphäre, glänzende Darsteller bis in die kleinsten Nebenrollen, einen hypnotischen Soundtrack von Wojciech Kilar (der in jede Soundtrack-Sammlung gehört) und viel Liebe zum Detail.

Die Geschichte in Kürze: der Buchdetektiv Corso (Johnny Depp) soll im Auftrag des Dämonologen Boris Balkan (Frank Langella) die Echtheit eines wertvolles Buches herausfinden, an dem der Teufel persönlich mitgeschrieben haben soll. Auf seiner Reise wird Corso mit seltsamen Todesfällen, Satanismus, ständiger Lebensgefahr und einem mysteriösen Schutzengel (Emanuelle Seignier) konfrontiert...

Ein an Hollywood-Action gewöhnter Zuschauer muss sich nach wie vor darauf einlassen, dass der Film sehr langsam erzählt wird, seine aufgeworfenen Fragen nicht alle beantwortet und viel Stoff zum Nachdenken zurücklässt. Besonders das Ende hat viele Horrorfans und das Mainstream-Publikum entsetzt und frustriert zurückgelasen, doch es ist bei näherer Betrachtung einfach perfekt in all seinen Implikationen. Ja, hier darf mitgedacht werden - man muss sogar, um alles zu verstehen, denn Polanski liefert keine Erklärungen, nur Hinweise. Immer wieder gibt es Einstellungen, die das lauernde Böse suggerieren, sei es ein paar Füße hinter einem Kellerfenster, einen seltsam unbeweglichen Hund auf der Straße oder eine gespenstische Telefonzelle. Es gibt nahezu kein einziges Klischee im Film, und man weiß als Zuschauer nie, was als Nächstes passiert.

Johnny Depp trägt den Film in einer für ihn ungewohnten, trockenen Rolle, Frank Langella ist gar so dämonisch, dass man kurz meint, er selbst sei der Teufel, hinter dem alle her sind, und die viel gescholtene Emanuelle Seignier (als Ehefrau von Polanski immer Zielscheibe für persönliche Attacken von Kritikern) wird hier perfekt inszeniert als mysteriöses Zwischenwesen von ungewöhnlicher Schönheit.

Besonders gelungen ist Polanskis Darstellung der "Okkultisten", die in sämtlichen Filmen, die sich mit dem Thema beschäftigen, als unheimliche Bedrohung inszeniert werden. Polanski hingegen zeigt sie als das, was sie sind - lächerliche Langweiler, die ihr ödes Leben mit ein bisschen Kuttentragen und Sex aufmöbeln, Swinger-Clubs mit Hokuspokus. Wer sich mit Polanskis Lebensgeschichte ein bisschen auskennt und insbesondere über die Ermordung seiner Ehefrau durch den Manson-Clan Bescheid weiß, kann nur staunen, wie abgeklärt und scharfsichtig er mit dem Thema umgeht.

"Die neun Pforten" hat vielleicht nicht die künstlerische Klasse von Polanskis bestem Horrofilm "Rosemary's Baby", aber er kommt ihm sehr nahe, und das auf stille, bedrohliche und ungewöhnliche Weise.

10/10

Engel oder Satan? Emanuelle Seigner

Kommentare:

  1. Hallo Mathias,

    ja, DIE NEUN PFORTEN (bei genauer Übersetzung des Originals übrigens DIE NEUNTE PFORTE) ist ein kinematografischer Rohdiamant, der erst Dank seiner DVD-Veröffentlichung an zu glitzern gefangen hat. Einen Vergleich mit ROSEMARY'S BABY würde ich nicht machen wollen, ist er doch von der Produktionszeit und der Thematik weit davon entfernt.

    Wenn man erst einmal die kleinen Unglaubwürdigkeiten (der personifizierte Schutzengel) und die kleinen Boshaftigkeiten Polanskis (der Buchdetektiv raucht über den seltenen Werken Zigarillo und lässt seine Asche auf die kostbaren Seiten fallen) akzeptiert hat, so steht einem fantastischen Genuss mit Überraschungseffekten nichts mehr im Weg.

    Gruss

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  2. Hallo Ralf,

    das freut mich, ich kann den immer wieder sehen. Schön, dass Du Depps Umgang mit den Büchern (Zigarillo, Kopierer) auch als Bösartigkeit bezeichnest, bei Amazon gab es einen Kommentar, der das als Filmfehler bezeichnete, was für ein Unsinn.

    Gruß, Mathias

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