Montag, 15. Februar 2010

Die Lady von Shanghai (1948)

Orson Welles hat sich Zeit seines Lebens nicht besonders positiv zur LADY VON SHANGHAI geäußert.
Der Film war ein finanzieller Reinfall und hat beinahe die Karriere von Rita Hayworth ruiniert. Zudem wurde der ursprünglich 155 Minuten lange Film ohne Welles' Zustimmung auf 86 Minuten gekürzt und mit Musik unterlegt, die er ablehnte. So wie Welles ihn plante, wird der Film wohl nie zu sehen sein, dennoch hat DIE LADY VON SHANGHAI über die Jahre seinen Ruf verbessert und gilt heute zu Recht als Klassiker, trotz und auch wegen seiner Schwächen.

Die Story: der Seemann Michael (Welles selbst) verfällt der schönen und geheimnisvollen Elsa (Rita Hayworth, Welles' damalige Ehefrau), lässt sich von ihrem Ehemann auf einer Yacht anheuern und gerät bald in ein Netz aus Lügen, Intrigen und Mord...

Die kurze Inhaltsangabe kann unmöglich die vielen Wendungen des Drehbuchs wiedergeben, die besonders im letzten Drittel so kompliziert miteinander verstrickt sind, dass sie eine sinnvolle Nacherzählung unmöglich machen. Orson Welles spielt hier den typischen Film Noir-Helden, aber er bricht mehrere Genre-Regeln. So benutzt er den Voice-Over - das klassische Stilmittel des Noir - äußerst ironisch. Nicht nur kann der von ihm dargestellte Michael nicht gut erzählen, er begreift auch nichts. Eine dramatische Gerichtsverhandlung im letzten Akt wird konsequent unterbrochen durch Husten und Niesen der Geschworenen und mutiert so absichtlich zur Farce.

Die Hauptattraktion neben solchen Spielereien mit Konventionen ist und bleibt aber Rita Hayworth. Orson Welles, dessen Ehe mit Hayworth bereits am Ende war (sie ging nach dem Film endgültig in die Brüche), veränderte radikal das Image der Schauspielerin. Über die Jahrzehnte wurde ihm immer wieder unterstellt, sie damit demütigen zu wollen, doch Welles selbst argumentierte, Hayworth habe zuvor nie eine Rolle wie die der Elsa gespielt, also konnte er sie nicht in ihrer gewohnten Aufmachung spielen lassen (durchaus nachvollziehbar). Dennoch war die Produktionsfirma Columbia so entsetzt vom fertigen Film, dass sie ihn zwei Jahre unter Verschluss hielt, und selbst als er danach zur Aufführung kam, war das Publikum nicht bereit, Welles' Umgang mit dem Genre oder Hayworths neuen Stil zu akzeptieren. Das ist besonders schade, weil Rita Hayworth in der LADY VON SHANGHAI eine einzigartige Darstellung abliefert. Hinter ihrer wunderschönen Fassade verbirgt sich eine traurige, verkommene und haltlose Frau. Neben dem wundervollen GILDA ist Welles' Klassiker der definitive Hayworth-Film.

DIE LADY VON SHANGHAI hat aber noch mehr zu bieten. Sowohl Elsas Treffen mit Michael in einem Aquarium als auch das mittlerweile legendäre Spiegelkabinett-Finale sind dermaßen surreal und visuell packend, dass es einem die Sprache verschlägt, auch wenn Welles das Finale auf dem Rummelplatz völlig anders konzipiert hat. Ein weiterer Höhepunkt ist die Szene, in der Welles eine Geschichte von Haien erzählt, die sich gegenseitig auffressen. Diese Sequenz steht symbolhaft für sämtliche Charaktere des Films und bleibt lange im Gedächtnis.

09/10


Im Spiegelkabinett

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