Mittwoch, 17. Februar 2010

Die Ehe der Maria Braun (1979)

DIE EHE DER MARIA BRAUN ist ein moderner Klassiker aus der besten Zeit des Neuen Deutschen Films. Der Film war Fassbinders größter internationaler Erfolg und erhielt sogar in seinem Heimatland gute Kritiken - man glaubt es heute kaum, doch gehörte Fassbinder hierzulande Zeit seines Lebens zu den zwar respektierten, aber regelmäßig im Feuilleton verrissenen Regisseuren, während er im Ausland längst gefeiert wurde. Ein typisch deutsches Problem, leider.

Maria Braun (Hanna Schygulla in ihrer besten Fassbinder-Rolle) heiratet während eines Bombenangriffs ihren Hermann (Klaus Löwitsch), der daraufhin in den Krieg zieht und nicht wiederkommt. Maria ist nach Kriegsende auf sich allein gestellt. Aus der Not zum Überleben heraus nimmt sie ihr Schicksal in die Hand und verwandelt sich in eine zielstrebige Selfmade-Woman, die konsequent ihren Weg geht. Liebe und Gefühle sind nur noch Mittel zum Zweck, die Ökonomie steht über allem. Fassbinder schildert das Schicksal der Maria Braun als persönlichen Aufstieg ohne Rücksicht auf Verluste. Die Frau muss sich - ebenso wie das gesamte Land - neu erfinden und ihre Rolle definieren. Politisch und gesellschaftlich ist Maria Brauns Deutschland ein Pulverfass, was in der makaberen Schluss-Sequenz seinen sarkastischen Höhepunkt erreicht.

Neben Fassbinders kluger Sicht auf Politik und Gesellschaft aber ist MARIA BRAUN ein packendes Drama mit hervorragenden Darstellerleistungen bis hinein in die Nebenrollen. Hanna Schygulla spielt ihre äußerst komplexe Rolle hervorragend und mühelos. Sie ist zunächst sympathische Identifikationsfigur, später mehr als nur ambivalent, dabei aber immer realistisch. Fassbinders Liebe für das Hollywood-Melodram findet sich überall. Schygullas Maria weist deutliche Parallelen zu Joan Crawford (insbesondere "Solange ein Herz schlägt"), aber auch zu Marlene Dietrich auf, beides starke Frauen, die sich in der Männerwelt durchsetzen, selbst wenn sie sich dafür verleugnen müssen.

MARIA BRAUN ist ein sarkastischer und deprimierender Kommentar auf das Nachkriegsdeutschland, der mit verlogenen Geschichten von aufopferungsvollen Trümmerfrauen aufräumt. Tatsächlich geht Maria im übertragenen wie im buchstäblichen Sinn über Leichen, und so baut sich auch das ganze Land wieder auf - auf Leichen. Fassbinders Nachkriegsdeutschland ist im wahrhaftigsten Sinne ein Land der Trümmer, mit zerstörten Häusern, Existenzen und zerstörten Seelen. "Keine gute Zeit für Gefühle", sagt Maria zu ihrem Ehemann. Wie wahr.

10/10

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