Mittwoch, 17. Februar 2010

Die Brücken am Fluss (1995)

Die guten Nachrichten vorweg: Ja, man kann ein Mann, ein Fan von allen "Dirty Harry"-Filmen und trotzdem von den BRÜCKEN AM FLUSS begeistert sein und Tränen vergießen. Eben weil dieses Drama um Lebensentscheidungen und die reife Liebe schlicht ein guter Film ist, der vollkommen auf Kitsch verzichtet, in Meryl Streep und Clint Eastwood zwei außergewöhnliche Darsteller auf dem Höhepunkt ihrer Kunst zeigt, und weil es um Themen geht, die über das übliche Taschentuch-Kino hinausgehen. Und weil der Film so wunderbar schlicht und einfach erzählt ist, ohne überladene Symbolik, billige Küchenpsychologie oder ausgedachte Charaktere.

Meryl Streep spielt Francesca, eine Farmersfrau irgendwo in Iowa. Die tägliche Routine und intellektuelle Unterforderung mit Mann, Kindern und Landleben führen zu einer unterdrückten Sehnsucht nach einem anderen Leben, die mit dem Eintreffen des Fotografen Robert (Eastwood) endlich befreit und ausgesprochen werden kann. Aber kann sie auch erfüllt werden?

Streep/Eastwoods Begegnung, Annäherung und das Erkennen der gegenseitigen Gefühle in der ersten Hälfte des Films sind dabei unglaublich stark und authentisch. Regisseur Eastwood tritt als Darsteller eher in den Hintergrund und überlässt Meryl Streep den Film für eine unglaubliche, nuancierte Vorstellung. Sie ist das emotionale Zentrum des Films. Wenn man mitleidet und mitfühlt, dann mit ihr. Die Dialoge bleiben lebensnah und simpel, grenzen fast an Banalität, doch Blicke und Gesten erzählen so viel mehr. Das Understatement ist eine Kunst, die heutzutage im Kino kaum Beachtung findet.
DIE BRÜCKEN AM FLUSS spart alles aus, was in Richtung Kitsch, Soap oder Gefühlsduselei gehen könnte. Hier stehen sich zwei erwachsene Menschen gegenüber, die eine Entscheidung treffen müssen, die ihr Leben verändert kann. Sie werden vom Film ernst genommen und respektiert, niemals wird ihre Beziehung der Lächerlichkeit preisgegeben oder moralisch verurteilt (der Film wird übrigens gern von denen abgelehnt, die ihm genau diese Unmoral vorwerfen). Tatsächlich erreicht das Drama gegen Ende eine Intensität und Spannung, die sich mancher Thriller wünschen würde. Was ist stärker, die Kraft einer neuen Liebe, oder eine gefestigte Partnerschaft, die zwar keine Höhepunkte bietet, aber Loyalität und Verantwortungsbewusstsein verlangt?

Wenn ich etwas am Film kritisieren müsste, dann wäre das die in meinen Augen unnötige Rahmenhandlung, in der die mittlerweile erwachsenen Kinder von Streep nach deren Tod die Tagebücher ihrer Mutter lesen und die Wahrheit über ihre Beziehung erfahren. Nicht nur sind diese Passagen filmisch eher durchschnittlich, man kann sich auch schwer für die relativ eindimensional gezeichneten Figuren und deren Konflikte begeistern, wenn doch der Hauptteil um Streep und Eastwood so großartig und packend gelingt. Das ändert aber nichts an der Qualität der BRÜCKEN AM FLUSS. Wer nach gut gespielten und geschmack- und anspruchsvoll inszenierten Romanzen sucht, der ist hier genau richtig.

08/10

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