Dienstag, 16. Februar 2010

Die bitteren Tränen der Petra von Kant (1972)

DIE BITTEREN TRÄNEN DER PETRA VON KANT mag heute etwas dialoglastig, langsam und theaterhaft erscheinen, aber er ist ein Schlüsselwerk im Schaffen des Regisseurs, er war ein großer internationaler Erfolg, und Fassbinders unglaubliche Präzision, mit der er das Beziehungsdrama an nur einem einzigen Schauplatz (Petras Wohnung) inszeniert, fasziniert heute noch wie seinerzeit, wenn man sich darauf einlässt.
Petra (Margit Carstensen) ist eine erfolgreiche Modedesignerin, die ihre Sekretärin schlecht behandelt und sich in Karin (Hanna Schygulla) verliebt. Karin zieht zu Petra, und damit beginnt der Horror. Die anfangs so klar verteilten Rollen (Petra ist mit ihrer Bildung, ihrem Erfolg und ihrer Eleganz der dominante Part, Karin unterwirft sich gerne) verschieben sich. Petra wird unsicher.
Aus Liebe wird Abhängigkeit, aus Überheblichkeit schließlich Masochismus. Das Tee-Geschirr geht zu Bruch, die Liebe ebenfalls. Grausamkeit und Qual sind das Ende der Gefühle - oder sind sie das Höchste der Gefühle? Für Liebe tun wir alles, geben wir alles, nehmen alles auf uns. Und werden deswegen nie glücklich. "Ich will doch nur, dass ihr mich liebt" lautet der Titel eines weiteren Fassbinder-Films. "Wir brauchen den anderen, aber wir haben nicht gelernt, miteinander zu leben", sagt Petra von Kant. Und werden es auch nie.

Wie Fassbinder hier mit dem geringsten Aufwand die Beziehung zweier Menschen seziert, ist schlicht großartig. Margit Carstensen ist eine Offenbarung als Petra von Kant. In einer kleinen, aber wichtigen Nebenrolle brilliert Irm Herrmann als still vor sich hinliebende und leidende Sekretärin Marlene. Die langen Kamera-Einstellungen sind genauestens duchkomponiert, kein Dekorationsstück steht zufällig an seinem Platz. Die Schaufensterpuppen in Petras Wohnung sind die glücklicheren Geschöpfe. Ohne Gefühle können sie einfach nur schön sein.
Man darf dazu sagen, dass Fassinder mit PETRA VON KANT seine eigene komplizierte Liebesbeziehung zu Schauspieler Günther Kaufmann verarbeitet hat, doch seine Charaktere sind stellvertretend für uns alle wahrhaftig. PETRA VON KANT gehört zu den Sternstunden des deutschen Films.

Und neben all den klugen Sachen, die bereits über Fassbinders Werke und ihre Komplexität gesagt wurden, gerät eine Tatsache leicht in Vergessenheit, gerade weil seine Filme so oft in Hoffnungslosigkeit und Chaos enden - er hatte einen bösartigen, anarchischen Humor, der sogar seine spöderen Werke auszeichnet und die Zeit glänzend überdauert. Man darf über Petras Liebesfrust und Qualen auch lachen, und doch ist man sich immer bewusst, dass sie dem eigenen Ich erschreckend ähnlich sieht.

09/10

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