Mittwoch, 17. Februar 2010

Die Affäre der Sunny von B. (1990)

Barbet Schroeder verfilmte 1990 mit DIE AFFÄRE DER SUNNY VON B. die Hintergründe eines der aufsehenerregendsten Prozesse der 80er. Das packende Drama überzeugt vor allem durch die grandiosen Schauspieler, Jeremy Irons erhielt für seine Glanzvorstellung als eiskalter Claus von Bülow einen Oscar.

Worum geht es? Sunny und Claus von Bülow (Irons und Glenn Close) führen ein Leben in Reichtum und Luxus, haben sich aber ansonsten nichts mehr zu sagen. Als Sunny eines Nachts ins Koma fällt, wird Claus beschuldigt, sie per Insulin-Injektion in selbiges befördert zu haben. Die Öffentlichkeit ist bereits ohne Beweise von Claus' Schuld überzeugt. Der liberale Anwalt Gershowitz (Ron Silver) übernimmt überraschend den Fall. Gemeinsam mit einem Team von Studenten versucht er, die tatsächlichen Ereignisse jener Nacht zu rekapitulieren...

Jeremy Irons spielt den Claus von Bülow mit unglaublicher Arroganz und Kaltschnäuzigkeit, entdeckt aber auch Sympathie, Sarkasmus und sehr feinen Humor (etwa wenn er mit den Jura-Studenten zusammensitzt und alle ihn anstarren, als wäre er von einem anderen Planeten) und zeigt Claus von Bülow als eine im Grunde bemitleidenswerten Gestalt, die alles und gleichzeitig nichts besitzt. Ron Silver als engagierter Anwalt, der sonst auf der Seite der Unterprivilegierten steht, ist (wie der Zuschauer) selbst hin- und hergerissen zwischen Faszination und Abscheu gegenüber von Bülow. Die besten Szenen aber sind die Rückblenden zwischen Irons und Glenn Close. Was für ein Schauspieler-Paar, wo sind sie im heutigen Kino, wo sie dringend gebraucht werden? Bei Glenn Close sitzt jede Geste, jede Regung im Gesicht erzählt etwas, sie spielt die Sunny von Bülow so real, dass man Angst vor ihr bekommt. Wenn der Film beginnt, liegt sie bereits im Koma und wird von Pflegern gewaschen, in einem geradezu genialen Einfall lässt Regisseur Schroeder sie selbst die Filmgeschichte aus dem Off erzählen. "Das ist mein Körper", sagt sie, und ihre Stimme (auch hervorragend synchronisiert) jagt einem Schauer über den Rücken.
Die klassisch-schlichte Frage "War er's oder war er's nicht?" sorgt darüber hinaus für konstante Spannung, die Dialoge sind messerscharf (Silver zu Irons: "Wir haben einen guten Vorteil. Alle Welt hasst Sie!" - Darauf Irons, völlig unbeeindruckt: "Das ist doch ein Anfang."). Barbet Schroeder inszeniert unauffällig und lässt die Schauspieler agieren, es gelingt ihm aber hervorragend, die zwei Welten des Films - das heimische Chaos von Gershowitz und den kühlen Luxus der von Bülows - zu spiegeln, sowie die moralische Frage aufzuwerfen, inwieweit schwerreiche Personen der Gesellschaft aus Neid und Verachtung vorverurteilt werden, und welchen Teil sie selbst dazu beitragen. Dazu sind die Rückblenden, in denen die Ereignisse der betreffenden Nacht jeweils unterschiedlich dargestellt werden, eine kleine Verbeugung vor Kurosawas "Rashomon".

Die echte Sunny von Bülow ist im Dezember 2008 gestorben, ohne jemals aus dem Koma erwacht zu sein. Die Wahrheit über jene Nacht wird nie jemand erfahren. Ein tragischer Fall und Stoff für einen hochkarätigen Film. Wenn es um intelligenten Mainstream geht, dann gehört DIE AFFÄRE DER SUNNY VON B. zu den besten Beispielen, wie ich mir das Kino wünschen würde.

08/10

Keine Kommentare:

Kommentar veröffentlichen

Related Posts Plugin for WordPress, Blogger...