Montag, 15. Februar 2010

Der zehnte Tag (1971)

Nachdem Claude Chabrols zwischen 1968 und 1971 eine Serie von Meisterwerken erschaffen hat, die als der "Hélène-Zyklus" bekannt sind, und zu denen u.a. "Der Schlachter" und "Der Riss" gehören, ging er mit DER ZEHNTE TAG (La Décade Prodigieuse) 1971 inhaltlich und stilistisch andere Wege.
Waren die vorangegangenen Filme subtile kleine Dramen/Thriller um Schuld, Moral und Betrug, handelt es sich hier um eine internationale Großproduktion. Anthony Perkins spielt den jungen Charles, der mit blutverschmierten Händen in einem Hotel aufwacht und sich nicht erinnern kann, was geschehen ist. Er bittet einen Freund (Michel Piccoli) um Hilfe, Nachforschungen anzustellen und kommt einem tödlichen Komplott auf die Schliche. Offenbar soll Charles unter Drogeneinfluss dazu getrieben werden, alle zehn Gebote zu brechen...

Klingt etwas merkwürdig? Ist es auch. Neben den gängigen Chabrol-Motiven Betrug, Mord und Erpressung finden sich hier ungewohnt metaphysische und fantastische Motive. Zusammen mit dem Ödipus-Komplex ergibt das einen eher verwirrenden Mix, der nicht so recht zusammenpassen will. Chabrols filmischer Stil im ZEHNTEN TAG ist sehr viel aufdringlicher als zuvor. Technische Spielereien, verzerrte Kameraperspektiven und halluzinatorische Sequenzen erzeugen eine bizarre, alptraumhafte Atmosphäre.

Das Erzähltempo ist wie immer bei Chabrol sehr bedächtig, doch fehlt es den Figuren an psychologischer Tiefe, um das Interesse des Zuschauers durchgängig wach zu halten. Anthony Perkins hat Zeit seines Lebens versucht, aus dem übergroßen Schatten seiner Norman Bates-Darstellung herauszutreten, hier spielt er erneut den psychisch gestörten, neurotischen und nervösen jungen Mann, auf den er nach PSYCHO festgelegt wurde. Als Identifikationsfigur ist er dabei etwas zu sperrig. Orson Welles gibt den übergewichtigen, bösen Patriarchen im "Big Daddy"-Stil mit einer falschen Nase, die man gesehen haben muss, um es zu glauben. Am besten zieht sich Michel Piccoli aus der Affäre, der gewohnt souverän agiert und den interessantesten Charakter des Films spielt.

Wer diese Art von internationaler Co-Produktion der frühen 70er mag, der dürfte mit dem ZEHNTEN TAG gut bedient sein. Wenn man ihn mit früheren und besseren Chabrols vergleicht, schneidet er wirklich furchtbar ab. Filme wie dieser waren Schuld daran, dass Chabrol sogar im eigenen Land lange nicht als eigenständiger Künstler anerkannt wurde.

06/10

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