Samstag, 13. Februar 2010

Der unsichtbare Dritte (1959)

Im Gespräch mit Hitchcock bezeichnete Francois Truffaut das Werk DER UNSICHTBARE DRITTE (North By Northwest) aus dem Jahr 1959 als die Summe aller amerikanischen Filme des Meisters, und damit traf er den Nagel auf den Kopf.

Hitchcock hat mit dieser wendungsreichen Thriller-Komödie seinen liebsten Handlungsstrang - den unschuldigen Jedermann, der unversehens in ein lebensgefährliches Abenteuer verwickelt, von allen Seiten inklusive Polizei gejagt wird und auf seinem Weg einer kühlen, aber erotisch aufgeladenen Blondine begegnet, die möglicherweise ein doppeltes Spiel treibt - in einer Weise perfektioniert, die nicht mehr zu übertreffen ist.

DER UNSICHTBARE DRITTE hat in nunmehr 50 Jahren nichts von seinem Glanz und Witz verloren, er diente dazu als Blaupause für sämtliche James Bond-Abenteuer und ist der Vorläufer des Hollywood-Action-Thrillers inklusive sämtlicher Archetypen.

Worum geht es? Der gut aufgelegte Cary Grant kommt als Werbefachmann Roger O. Thornhill ("Was hat das 'O' zu bedeuten?" - "Gar nichts.") durch Zufall dem Mikrofilm-Schmuggler James Mason (in einer Paraderolle als nonchalanter Oberbösewicht mit perfekten Manieren) in die Quere, der ihn für einen feindlichen Agenten hält und dringend beseitigen will. Da kann nicht einmal Rogers Mutter helfen (gespielt von der herrlich skurrilen Jessie Ryoce Landis, die ein Jahr jünger als ihr Filmsohn Grant war, und die bereits in "Über den Dächern von Nizza" (1955) als dominante Mama von Grace Kelly brillierte). Die nette Zugbekanntschaft mit der berückenden Eva Marie Saint bei Sauerbraten und Martini jedoch bringt ihn der Wahrheit immer näher...

Das Drehbuch von Ernest Lehman schlägt so viele unvorhersehbare Haken, dass sogar Cary Grant (angeblich) nicht verstanden haben soll, worum es im Film eigentlich geht. Hitchcock nutzt grandiose Locations für seine Agenten- und Doppelagenten-Hatz quer durch Amerika und endet im berühmten Finale auf den Präsidenten-Köpfen des Mount Rushmore. Unvergesslich bleibt die Sequenz, in der Cary Grant am hellichten Tag von einem Insektenvertilgungs-Flugzeug durch menschenleere Maisfelder gejagt wird. Die Dialoge sprühen vor Witz und doppeltem Boden. Wenn Grant während einer Kunstauktion verzweifelt versucht, einen Aufruhr zu verursachen, um Mason und dessen Handlangern zu entkommen (Grant: "Das ist doch eine ganz billige Fälschung!" - Darauf eine Besucherin: "Eins steht jedenfalls fest, Sie sind ein echter Idiot!"), muss er die auftauchenden Polizisten erst überzeugen, dass er ein gesuchter Mörder ist (Grant: "Mit mir haben Sie den Fang Ihres Lebens gemacht" - Polizist: "Sie sollten sich wirklich schämen, so anzugeben!").

Zwischen Grant und der typisierten Hitchcock-Blondine Eva Marie Saint knistert es gewaltig, als rechte Hand von James Mason begeistert der junge Martin Landau. Und wenn am Ende ein Zug in einen Tunnel rauscht, dann hat Hitchcock sogar noch einen schwarzhumorigen Schlusspunkt gesetzt.
Was gibt es also an diesem Filmjuwel auszusetzen? Nichts. Was Mainstream-Unterhaltung auf höchstem Niveau angeht, gehört DER UNSICHTBARE DRITTE zur absoluten Spitzenklasse.

10/10

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