Mittwoch, 17. Februar 2010

Der Tod und das Mädchen (1994)

Ein Schauplatz, drei Figuren, irgendwo in Südamerika nach dem Ende der Diktatur. In einer Sturmnacht bringt der Anwalt Gerardo (Stuart Wilson) einen Gast (Ben Kingsley) mit in sein abgelegenes Haus. Paulina (Sigourney Weaver), Ehefrau des Anwalts und politische Aktivistin, meint in jenem Mann ihren ehemaligen Peiniger und Vergewaltiger zu erkennen. Mit Waffengewalt erzwingt sie einen makaberen Privat-Prozess. Aber ist der "Angeklagte" wirklich schuldig?

Nach dem erfolgreichen Theaterstück von Ariel Dorfman inszenierte Roman Polanski 1994 dieses wahnsinnige Psycho-Duell zweier hochkarätiger Schauspieler, Weaver und Kingsley. Weaver wirft sich mit Haut und Haaren in ihre Rolle, man darf sie gleichzeitig wegen ihrer Stärke bewundern, aber auch wegen ihrer Unberechenbarkeit und Rachsucht streckenweise ablehnen, insbesondere da für sie die Schuld des Angeklagten längst bewiesen ist (aufgrund von Indizien), bevor der "Prozess" beginnt, und sie sich damit im Grunde genau so abscheulich verhält wie das System, das sie anklagt. Warum Frau Weaver nicht längst mit Dutzenden von Oscars überschwemmt wurde, bleibt mir übrigens nach wie vor ein Rätsel, aber das nur am Rande.

Begleitet vom Gewitter und der nahen Brandung der Steilklippen, untermalt von Schuberts Titelstück und dem aufwühlenden Soundtrack von Wojciech Kilar, wird die Bühne zum packenden Filmerlebnis, das komplexe Fragen um Selbstjustiz und Loyalität aufwirft. Alles andere als leicht verdauliche Kost und durchaus verstörend für sensible Gemüter, die einen Thriller erwarten. Roman Polanski drehte den Film in chronologischer Szenen-Reihenfolge, um den Darstellern die Entwicklung ihrer Charaktere zu erleichtern, und so ist DER TOD UND DAS MÄDCHEN großes Schauspielkino, das nebenbei noch nervenzerrend spannend der uralten Frage nachgeht - war er's oder war er es nicht? Dass es keine einfache Antwort auf diese komplexe Frage gibt, steht von vornherein fest.

Ich habe hier mehrfach gelesen, der Film käme zu langsam in Fahrt und denke, dass genau diese Langsamkeit und das ausführliche Kennenlernen der Figuren erst die Spannung des weiteren Verlaufs ermöglicht. Die lange Exposition gehört zu den großen Stärken Polanskis (man denke an "Rosemary's Baby" oder "Frantic"), eine Kunst, die heute fast ausgestorben ist, weil viele meinen, der Zuschauer müsse innerhalb der ersten fünf Minuten bereits mit Sensationen überwältigt werden. Glücklicherweise verweigern sich auch immer wieder Filme diesem Trend.

09/10

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