Mittwoch, 17. Februar 2010

Der Tod kommt zweimal (1984)

An Brian De Palmas BODY DOUBLE - DER TOD KOMMT ZWEIMAL von 1984 scheiden sich die Geister. Für die einen enttäuschender Trash und Selbstpersiflage, für die anderen (mich besonders) ein weiterer grandioser Psycho-Thriller, deutlich lockerer und verspielter als sein Vorgänger "Dressed to Kill" mit Ideen, absurdem Witz, umwerfender Kamera und Hitchcock-Hommagen, als gäbe es kein Morgen.

Die Story: der arbeitslose Schauspieler Jake (Craig Wasson - sehr sympathisch und trotz vieler negativer Kritiken für mich die Idealbesetzung des liebenswerten dummen Jungen) wird allnächtlich Zeuge einer privaten Strip-Show, die er per Teleskop beobachtet. Als er der schönen Unbekannten nachstellt, um sie kennenzulernen, wird er Zeuge eines grauenhaften Mordes. Auf der Jagd nach der Identität des Killers gerät er ins Hardcore-Geschäft, trifft ein Körperdouble (Melanie Griffith), gerät in Lebensgefahr und liegt bald lebendig in seinem eigenen Grab - oder ist das alles gar nur ein Film?

Nachdem De Palma sich ständig Vorwürfen der Gewaltexzesse und Frauenfeindlichkeit stellen musste, scheint er mit BODY DOUBLE eine klare Antwort zu geben: Sex und Gewalt? Bitte sehr! So strotzt sein Film nur so von rotzigen Anspielungen auf die Filmindustrie, deswegen muss die arme Deborah Shelton (die "Dallas"-Schönheit in einer fast stummen Rolle) per Bohrmaschine (= Phallus) blutig ins Jenseits befördert werden, und darum muss Melanie Griffith Dialoge sprechen, bei denen es einem schon beim Zuhören die Schamesröte ins Gesicht treibt. Nach De Palmas Wunsch sollte eigentlich Hardcore-Star Annette Haven Griffiths Rolle spielen, aber bei De Palmas Ruf und der zu erwartenden Presse erhielt der Regisseur striktes Verbot seitens der Columbia, die den Film produzierte. Griffith spielt übrigens hinreißend den abgebrühten, aber extrem liebenswerten Pornostar. Überhaupt sind sämtliche Insider-Einblicke ins Porno-Business äußerst amüsant (TV-Sprecher im Film: "Das ist der 'Vom Winde verweht' der Porno-Filme!").

Die Idee für das Körperdouble als Teil eines raffinierten Mordplans kam De Palma bei den Dreharbeiten zu "Dressed to Kill", als Angie Dickinson unter der Dusche durch einen jüngeren Körper ersetzt wurde. Die zahlreichen Hitchcock-Zitate reichen von "Rear Window" bis "Vertigo". Aber wo James Stewart noch das nasse Kleid von Kim Novak bestaunte, steckt sich hier Craig Wasson das getragene Höschen von Shelton in die Hosentasche. Zeiten ändern sich.

BODY DOUBLE ist ein ungewöhnlich sonniger Film voller Widersprüche. Pino Donaggios Musik etwa schwankt genial zwischen 80er Synthie-Klängen und großem Orchester. De Palma drehte viel an Originalschauplätzen in Los Angeles und fängt die Atmosphäre der Filmstadt wunderbar ein (ursprünglich sollte der Film in der New Yorker Theaterwelt spielen). Weitere Highlights: Wassons Verfolgung von Shelton am Rodeo Drive, der raffiniert montierte Mord, ein Film-im-Film mit Frankie Goes To Hollywoods "Relax" inklusive Cameo-Auftritt der Band, sowie ein Finale, bei dem De Palma einen gar unglaublichen Schachzug wagt. In bester Godard-Manier zersplittert kurz die filmische Realität, wird der Zuschauer komplett aus der Spannung gerissen und muss sich fragen: was ist hier echt? Um dann umgehend wieder hineingestoßen zu werden ins mörderische Geschehen.

Zugegeben, BODY DOUBLE ist kein Film für jedermann, weil er alle Erwartungen unterläuft (ebenso wie der unterschätzte "Raising Cain"), aber so viel lohnender als vergleichbare Thriller nach Schema F. Hellmuth Karasek nannte damals den Film eine "raffinierte Neuauflage von 'Vertigo'... für Schweine." Dem kann man zustimmen. Manchmal macht es aber unglaublich viel Spaß, ein Schwein zu sein.

In diesem Zusammenhang möchte ich noch das Buch zum Film von Susan Dworkin (Brian de Palmas "Der Tod kommt zweimal" oder Wie man einen Thriller dreht) empfehlen. Die Journalistin durfte bei den Dreharbeiten dabei sein und liefert in ihrem absolut lesenswerten Buch sämtliche Hintergründe der Verfilmung, teilweise mit absurden Anekdoten.

10/10

Kommentare:

  1. Hallo Mathias,

    Unter der Rubrik "Ich weiss nicht, ob Sie's schon wussten ....." :

    Der wahre Hauptdarsteller dieses Films ist das Haus. Es heisst Chemosphere Haus und ist vom Stararchitekten entworfen worden. Zur Zeit ist es im Besitz des deutschen Verlegers Bernhard Taschen. Ich spar schon darauf der nächste Besitzer zu werden....hi hi !

    Zu Craig Wesson : nein Danke ! Selbst Thomas Gottschalk - ihm vom Gesicht her nicht unähnlich - hätte diese Rolle besser gespielt.
    Hier hat der gute de Palma etwas zuviel männliche Unschuld ins Spiel gebracht. Auf die geschickten Charaden des Mörders wären übrigens auch weniger naive Kerle hereingefallen.

    Vor allem als das Weichei in die Rolle des toughen Pornoproduzenten schlüpft (zur grandiosen Musik von Frankie goes to Hollywood) hat der Film vollends bei mir verloren.

    Aber ich weis' ja das Du ein unbeirrbarer de Palma Fan bist - und das ist auch gut so !

    Gruss

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  2. Hallo Ralf,
    auf BODY DOUBLE lasse ich nichts kommen, den liebe, liebe, liebe ich! :-)

    Geht mir übrigens nicht mit allen De Palmas so, insofern würde ich mich nicht als unbeirrbar bezeichnen. "Mission to Mars" finde ich entsetzlich schlecht, "Black Dahlia" ist auch in die Hose gegangen, über "Femme Fatale" kann man sich streiten. Sagen wir mal, der frühe De Palma (bis "Scarface") spricht mich mehr an, den verehre ich wirklich ungemein.

    Gruß von Mathias

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  3. Hallo Mathias,

    muss für alle Interessierten noch den Namen des Architekten des Chemosphere Hauses in L.A. nachreichen :

    es war John Lautner.

    Gruss

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