Montag, 15. Februar 2010

Der Riss (1970)

Zwischen 1968 und 1972 befand sich Claude Chabrol in einer kreativen Hochphase und schuf ein Meisterwerk nach dem anderen. DER RISS (1970) gehört dabei zu den Besten der Besten.

Der Psycho-Thriller erzählt von der jungen, attraktiven Hélène (Stéphane Audran), die nach einem Gewaltausbruch ihres drogensüchtigen Mannes, bei dem sie und ihr kleiner Junge verletzt wurden, die Scheidung einreicht. Die reiche Familie des Gatten versucht alles, um das Sorgerecht für das Kind zu bekommen und engagiert den zwielichtigen Paul (Jean-Pierre Cassel). Paul schreckt dabei vor nichts zurück, Ruf und Ehre von Hélène zu zerstören und setzt eine beispiellose Tragödie in Gang, die für alle Beteiligten schreckliche Konsequenzen haben wird...

DER RISS beginnt mit einem heftigen Schock, der den Zuschauer für den Rest des Films verunsichert. Obwohl sich die Inhaltsangabe zunächst wie ein Familiendrama anhört, handelt es sich hier um einen beklemmenden Psycho-Thriller, der zunächst sehr schlicht und ruhig die realistische Situation von Hélène durchspielt und dann langsam in immer düstere Regionen hinabsteigt, bis wir uns in einer menschlichen Hölle befinden. Chabrol inszeniert dabei so meisterhaft subtil, dass man erst bei der Zuspitzung der Ereignisse merkt, wie sehr man längst im Film gefangen ist, wie sehr man mit Hélène mitleidet.

Wie so oft liegt für Chabrol alles Unheil im Kapital, interessant ist dabei besonders die Hierarchie der Gewalt: Die reiche Familie kauft sich die schmutzigen Dienste des heruntergekommenen Paul, dieser wiederum macht sich schnell beliebt in Hélènes Umfeld, in dem er ebenfalls finanzielle Versprechungen macht. Das Geld (oder die Aussicht darauf) bringt alle dazu, die schlimmsten Dinge zu tun. Lediglich die junge Mutter Hélène und ein skurriler Schauspieler (der das Künstlertum verkörpert) sind nicht käuflich. Im Finale erreicht Chabrol eine Intensität, die ihresgleichen sucht. Einige surreale Einfälle verstärken noch das intensive Filmerlebnis.
Die Schauspieler sind allesamt hervorragend. Chabrol-Ehefrau Audran ist zugleich stark, schön und verletzlich, eine Frau, die zu überleben versucht und gar nicht ahnt, was sich hinter ihrem Rücken abspielt. Jean-Pierre Cassel geht absolut in seiner Rolle auf - jedes Mal, wenn man meint, er würde doch noch sein Gewissen entdecken, ersinnt er einen noch schmutzigeren Plan. Michel Bouquet spielt das reiche Familienoberhaupt als lächerliche Witzfigur, vor dessen Macht und Skrupellosigkeit man dennoch Angst haben muss.

Chabrol wurde vielfach mit Hitchcock verglichen, doch im Grunde gehen beide völlig unterschiedliche Wege. Macht Hitchcock dem Publikum doch letztlich immer klar, dass es einen Film sieht und sich in Sicherheit befindet (inklusive Humor und Augenzwinkern), zieht Chabrol in seinen besten Werken - wie hier - dem Zuschauer den Boden unter den Füßen weg.
DER RISS ist eine brillante, intelligente Abrechnung mit menschlichen Abgründen hinter heiler Fassade, schonungslos, konsequent, und er kann heute noch verstören.

10/10

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