Samstag, 13. Februar 2010

Der Fremde im Zug (1951)

Nachdem Alfred Hitchcock mit dem düsteren Melodram "Sklavin des Herzens" und dem britischen Whodunit "Die rote Lola" nicht den erwarteten Erfolg verbuchen konnte, wandte er sich 1951 einer Romanvorlage von Patricia Highsmith zu und schuf mit DER FREMDE IM ZUG (auch als "Verschwörung im Nordexpress" bekannt) einen seiner größten Publikumserfolge.

Der Inhalt: Tennisprofi Guy Haines (Farley Granger) lernt im Zug den neurotischen Bruno Anthony (Robert Walker) kennen, der ihm einen makaberen Vorschlag macht - da beide Männer unter jemandem zu leiden haben (Granger unter seiner Noch-Ehefrau, Walker unter dem tyrannischen Vater), könne man doch einen Mord über Kreuz begehen. Was als harmloser Spaß beginnt, wird bald zum tödlichen Ernst, als Grangers Gattin von Walker ermordet wird und er auf "Erfüllung der Vereinbarung" besteht...

Robert Walker spielt hier die Rolle seines Lebens, er ist als hochgradig gestörter Soziopath mit Vaterkomplex charmant und gleichzeitig beängstigend. Hitchcock selbst war mit der Besetzung von Farley Granger nicht zufrieden, ich persönlich finde ihn - wie schon in Hitchcocks "Cocktail für eine Leiche" - als schnöseligen, oberflächlichen Weichling perfekt. Natürlich ist er kein starker, strahlender Held, aber so ist er auch nicht angelegt - er kann sich nicht einmal gegen seine zickige Ehefrau durchsetzen, die ihn mit einer Schwangerschaft erpresst. Die schöne Ruth Roman kann leider ihrer relativ langweiligen Rolle nicht viel abgewinnen. Sehr sehenswert dagegen der wie immer souveräne Leo G. Carroll und Hitchcocks Tochter Patricia als vorlaute Schwester von Ruth Roman, deren Ähnlichkeit mit dem erstem Mordopfer den irren Walker fast zu einer weiteren Bluttat motiviert.

Die Ermordung von Grangers Ehefrau auf einem Rummelplatz ist ein künstlerisches Highlight des Films, ebenso das Tennis-Match, welches das Finale einläutet und von Granger in kürzester Zeit gewonnen werden muss, sowie ein verlorenes Feuerzeug und der finale Kampf auf einem höllisch rotierenden Karussell. Und wer würde je vergessen, wie Robert Walker kalt lächelnd den Luftballon eines kleinen Jungen mit seiner Zigarette zum Platzen bringt?

Ein (unnötiges) Beispiel für Hitchcocks Intelligenz und Kunst bietet die Szene, in der Farley Granger vor seinem Haus von Robert Walker abgepasst wird, der gerade Grangers Frau ermordet hat. Beide Männer stehen sich gegenüber, durch ein Torgitter voneinander getrennt. Als ein Polizeiwagen vorfährt, hat Granger die Wahl, die Polizisten entweder zu alarmieren oder sich nicht zu erkennen zu geben. Er wechselt schnell die Seiten und stellt sich zu Walker hinter das Gitter, war vorher im Licht, steht nun im Schatten. Jetzt ist er ein Komplize und ebenso schuldig wie sein Gegenspieler, alles wird über das Bild erzählt. Und genau deswegen kann man Hitchcocks Filme auch immer wieder sehen.

09/10

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