Montag, 15. Februar 2010

Der falsche Mann (1956)

DER FALSCHE MANN (The Wrong Man) aus dem Jahr 1956 nimmt unter den Werken Alfred Hitchcocks eine Sonderstellung ein, da er eine wahre Begebenheit ohne Hinzugabe von dramaturgischen Erfindungen (jedenfalls nach Hitchcocks Aussage) schnörkellos und in fast dokumentarischer Qualität erzählt. Der FALSCHE MANN ist vielleicht Hitchcocks düsterster, pessimistischster und schonungslosester Film, auf jeden Fall ist er sein Europäischster.

Mit DER FALSCHE MANN verabschiedet sich Hitchcock vollkommen vom klassischen amerikanischen Erzählkino. Statt eines Plots erzählt er eine Situation und deren Folgen. Humor ist in der Welt vom falschen Mann nicht vorhanden, seine Sicht auf Justiz und Gesellschaft ist deprimierend. Hitchcock selbst empfand sein Werk als nicht besonders gelungen. So ungern ich ihm widerspreche - DER FALSCHE MANN ist ein Meisterwerk und einer der besten Hitchcocks.

Die Story in Kürze: der in bescheidenen Verhältnissen lebende Musiker Manny Balestrero wird nach Feierabend überraschend von der Polizei festgenommen. Augenzeugen beschuldigen ihn des Raubüberfalls. Manny ist unschuldig (das stellt der Film von Anfang an klar), doch schon befindet er sich in den Mühlen der Justiz und gerät von einer demütigenden Situation in die Nächste. Während er verzweifelt nach einem Alibi für die Tatzeit sucht, droht seine Ehefrau Rose (Vera Miles) an den quälenden Ereignissen zu zerbrechen...

Viel ist über Hitchcocks Meisterwerke geschrieben worden. DER FALSCHE MANN wird dabei häufig übersehen, weil er im Vergleich so klein, so bescheiden, so still wirkt. Aus heutiger Sicht ist es absolut erstaunlich, wie sehr Hitchcock mit Erzählmitteln operiert, die kurze Zeit später in der französischen Nouvelle Vague gefeiert wurden. So lässt er Laien auftreten, die sich selbst spielen, dreht überwiegend an Originalschauplätzen (was Hitchcock nie mochte), legt besonderen Wert auf realistische Abläufe (wie etwa die Prozedur auf dem Polizeirevier), und diese Details verleihen dem Drama seine bedrückende Atmosphäre. Bilder aus dem nächtlichen New York, untermalt von Bernard Herrmanns großartiger, weil extrem zurückgenommener Musik, haben die Qualität eines Alptraums.

So ist DER FALSCHE MANN auch Hitchcocks kompromisslosester Film Noir. Die falsche Verdächtigung ist - anders als in vielen anderen Hitchcocks, in denen Unschuldige gejagt werden - nicht Masterplan eines Oberbösewichts, sondern allein menschliches Versagen, ein Irrtum. Im Gespräch mit Francois Truffaut meinte Hitchcock, es sei ein Fehler gewesen, die Handlung in der zweiten Hälfte des Films auf Vera Miles zu verlagern. Auch hier würde ich widersprechen. Nicht nur spielt Vera Miles die labile Rose sensationell, ihr Abgleiten in Apathie und Isolation ist vollkommen erschütternd und zeigt, dass eine Hexenjagd nicht nur Auswirkungen auf die direkt Betroffenen, sondern auch auf deren Umfeld hat, und zwar unvorhersehbare Auswirkungen.

Im für mich besten Moment des Films stehen Fonda und Miles wieder einmal vor einer verschlossenen Tür und einer geplatzten Hoffnung auf ein Alibi. Während Fonda resigniert, bekommt Miles einen hysterischen Lachanfall "Ein schönes Alibi, wirklich ein schönes Alibi!"...

Norman Bates' ausgestopfte Mutter im Keller macht Angst, doch DER FALSCHE MANN kriecht auf ganz anderen Wegen unter die Haut und ist nicht weniger erschreckend.

9.5/10

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