Montag, 15. Februar 2010

Der Diener (1963)

DER DIENER - THE SERVANT ist ein düsteres, verstörendes Psychodrama und gehört zu den Sternstunden des britischen Kunstkinos der 60er. Nach einem Drehbuch von Harold Pinter inszenierte Joseph Losey - Spezialist für künstlerisch anspruchsvolle und oft bizarre Filmwerke - die Geschichte um den Aristokraten Tony (James Fox), der in ein Londoner Stadthaus zieht und den Diener Hugo (Dirk Bogarde) engagiert, der pflichtbewusst und loyal seine Aufgaben erledigt. Als Tony jedoch zu ahnen beginnt, dass Hugo ein falsches Spiel treibt und ganz eigene Pläne verfolgt, ist es fast zu spät, und die zunächst klar definierten Rollen von Herr und Diener drehen sich unaufhaltsam...

DER DIENER spielt mit einer Vielzahl von Themen, ohne dass man genau sagen könnte, was der zentrale Punkt der Erzählung ist. Einerseits geht es um das britische Klassensystem, das der "nutzlose" Aristokrat Tony gern aufrecht erhalten würde, dessen Zeit aber längst abgelaufen ist. Diener Hugo hält seinen Dienstherren in totaler Abhängigkeit - anfangs durch seine Verlässlichkeit, später dann durch Sex mit Prostituierten und Alkohol. Daneben finden sich immer wieder Hinweise auf eine homoerotische Anziehung zwischen Tony und Hugo. Tony träumt davon, einen echten "Gefährten" zu haben, "wie damals in der Armee".

Als beide sich immer mehr in dem düsteren Haus von der Außenwelt isolieren (und Hugo erfolgreich Tonys Verlobte abserviert hat), spielen sie bizarre Machtspielchen, jagen sich durchs Haus, und ein tropfender Wasserhahn spielt eine entscheidende Rolle in einem Moment, der vor sexueller Spannung zwischen den Männern nur so knistert. Die Ausstattung ist dazu angefüllt mit Phallus-Symbolen (etwa im Garten des Hauses) und Spiegeln, die auf die Wahrhaftigkeit von Identitäten hinweisen. Die grandiose Schwarz-Weiß-Fotografie von Douglas Slocombe schafft eine durchgehend beklemmende Atmosphäre.

Die Darsteller spielen allesamt hervorragend, letztlich ist DER DIENER aber Dirk Bogardes Film. Seine Blicke, seine Körpersprache, die leichte Arroganz, die schon früh Schatten auf spätere Vorgänge wirft, seine Nervosität, all das ist faszinierend zu beobachten und nie ganz durchschaubar. Man fragt sich, wer dieser Diener Hugo ist. "Was wollen Sie von diesem Haus?", fragt ihn Tonys Verlobte, die er mit kalter Ignoranz behandelt. "Ich bin bloß der Diener", antwortet er. Diese Ambivalenz zieht sich durch den kompletten Film. Nie wird klar, was DER DIENER uns sagen will, wovon er eigentlich erzählt, doch es ist genau diese Absicht, dieses Spiel mit Erwartungen, was ihn so faszinierend macht.

DER DIENER ist bestes Arthaus-Kino, exzellent gespielt, hervorragend inszeniert und mit so vielen Subtexten angereichert, dass man nächtelang darüber diskutieren kann.

09/10

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