Mittwoch, 17. Februar 2010

Der Biss der Schlangenfrau (1988)

Ken Russells BISS DER SCHLANGENFRAU von 1988 gehört zu den originellsten, schwarzhumorigsten und bizarrsten modernen Horrorfilmen und wird oft als Trash abgetan, das liegt aber im Auge des Betrachters, denn neben allem Spaß und Lust an Absurdität liefert Russell durchaus inhaltlichen Anspruch (zumindest was das Erkennen von Bezügen angeht).

Nach einer literarischen Vorlage von Bram Stoker erzählt der Film von einer Landgemeinde Englands, in der eine alte Sage zum Leben erweckt wird, nachdem ein nichtsnutziger Aristokrat (passend schnöselig gespielt von Hugh Grant) den Landsitz seiner Ahnen erbt und gleichzeitig ein schräger Archäologe (Peter Capaldi) einen Schädel im Garten seiner Freundin ausgräbt. Als dann auch noch die verführerische Nachbarin Lady Sylvia (Amanda Donohoe) auftaucht, die Herrn Grant und seine Bekannten dem heidnischen Lindwurm zum Fraß vorwerfen möchte, überschlagen sich die Ereignisse...

Amanda Donohoe beherrscht dabei als Lady Sylvia den kompletten Film und spielt alle übrigen Darsteller lässig an die Wand. Sie schlängelt sich sexy in Leder durch ihr Haus und vernascht naive Pfadfinder, wenn sie nicht gerade mit einem überdimensionalen Dildo auf der Sonnenbank liegt und Jungfrauen als Opfergabe auswählt. Ihre Dialoge sind exquisit (sie zitiert gerne Oscar Wilde und antwortet auf die Frage, ob sie Kinder habe: "Nur wenn keine Männer verfügbar sind"), ihre Outfits ebenso.

Allein ihr zuzusehen wäre schon Freude genug, doch Regie-Exzentriker Ken Russell bietet noch viel mehr, zum Beispiel surreale Traumsequenzen voller religiös-sexuell aufgeladener Bilder, einen Ringkampf von Donohoe und Catherine Oxenberg in Stewardessen-Kostümen, weswegen der Film durchaus als anstößig bezeichnet werden könnte und sicher nicht jedermanns Sache ist. Russell benutzt englische Folklore und den Konflikt zwischen Christen- und Heidentum für die Umsetzung von Stokers Geschichte, ebenso das Schlangen-Motiv. Wie im Garten Eden lauert Lady Sylvia im Schlangenkostüm auf einem Baum und lockt die Jungfrau Eve (!) in ihr Gemäuer. Sie spielt das Brettspiel "Schlangen und Leitern", harmlose Gegenstände wie Staubsauger- und Gartenschläuche werden von der Kamera absurd-bedrohlich eingefangen. Peter Capaldi kann den zum Vampir mutierten Dorf-Sheriff nur durch beherztes Dudelsack-Spiel bezwingen.

DER BISS DER SCHLANGENFRAU ist Lichtjahre entfernt von einfallslosen Slasher-Filmen mit kreischenden Teenagern. Hier stecken so viel Originalität, Witz, Erotik, Satire, Skurrilität und Schrecken drin, dass es für mehrere Filme gereicht hätte. Ich jedenfalls tausche gerne alle Horrorfilme der letzten Jahre gegen diesen.

09/10

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