Mittwoch, 17. Februar 2010

Das Haus in der Carroll Street (1988)

DAS HAUS IN DER CARROLL STREET aus dem Jahr 1988 lehnt sich inhaltlich und formal bei den Werken Alfred Hitchcocks an, und auch, wenn er deren Klasse (natürlich) nicht ganz erreicht, kann er durch seine unaufgeregte Erzählart, die glänzenden Darsteller und eine exzellente Kameraarbeit überzeugen.

Die Story: Im New York der 50er, während der berüchtigten Kommunistenjagd durch Senator McCarthy, gerät die junge Vorleserin Emily (Kelly McGillis) durch Zufall auf die Spur einer geheimen Regierungsoperation, die flüchtige Nazi-Verbrecher mit jüdischen Identitäten in die USA schmuggelt, und muss bald um ihr Leben fürchten...

Diese politisch explosive Prämisse nutzt Regisseur Peter Yates ("Bullitt") für einen klassischen Spannungsaufbau, der sich viel Zeit und Ruhe nimmt, wie man sie heute im Genre nicht mehr findet. So dürfte der Film ein junges Publikum auch eher langweilen, das muss man klar sagen. Hier stehen die Charaktere im Vordergrund, nicht die Action. Kelly McGillis ("Angeklagt") verkörpert ihre sanfte, aber willensstarke Emily absolut überzeugend und trägt den Film mühelos.
Neben ihr spielt Jeff Daniels als gutmütiger FBI-Agent eine untergeordnete Rolle, tatsächlich kann er im aufregenden Finale in der Grand Central Station nur zusehen, wie McGillis den letzten Showdown alleine bewältigen muss. In einer Nebenrolle ist Jessica Tandy zu sehen, die in Hitchcocks "Die Vögel" spielte, eine von zahllosen Anspielungen auf die Werke des Thriller-Meisters.
Die wundervolle Filmmusik von Georges Delerue zum Beispiel ist eine deutliche Hommage an Bernard Herrmanns Hitchcock-Kompositionen. Die berühmte "Suspense"-Theorie des Meisters (der Zuschauer muss mehr wissen als die handelnden Figuren) wird mehrfach im HAUS IN DER CARROLL STREET angewandt und führt zu großen Spannungsmomenten, etwa bei einer brillanten Verfolgungsjagd durch eine Bibliothek. Dabei bleibt Peter Yates aber durchaus bescheiden und unterbricht mit diesen Sequenzen nie seinen Erzählfluss oder setzt seine Zitate ironisch ein. Zu bemängeln wäre eventuell die Abwesenheit jeglichen Humors, der dem Film nicht geschadet hätte. Die aufkeimende Liebesbeziehung zwischen Daniels und McGillis ist im Grunde unnötig und wird nicht ganz glaubhaft entwickelt (offenbar empfand auch Yates sie als unnötig, sie scheint eher ein Zugeständnis an das Publikum zu sein). Darüber hinaus aber ist DAS HAUS IN DER CARROLL STREET beste, intelligente und spannende Unterhaltung mit Niveau und Liebe zum Detail. Für Freunde des Hitchcockschen Kinos lohnt sich ein Besuch in der Carroll Street in jedem Fall.

Da der Film seinerzeit im Kino aufgrund seiner unspektakulären Inszenierung unterging, darf man schon froh sein, dass er überhaupt auf DVD veröffentlicht wurde, insofern kann man auch verschmerzen, dass sich keinerlei Extras auf der Scheibe befinden.

08/10

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