Mittwoch, 17. Februar 2010

Das Ende (1976)

An einem heißen Sommertag in Los Angeles gerät eine Handvoll Menschen in einem stillgelegten Polizeirevier unter Dauerbeschuss einer fanatischen Gang. Verzweifelt kämpfen die Eingeschlossenen um ihr Leben...

Mit DAS ENDE - ASSAULT ON PRECINCT 13 aus dem Jahr 1976 hat John Carpenter seinen erklärten Lieblingsfilm "Rio Bravo" (1959) von Howard Hawks ins Los Angeles der 70er verlegt. Die Ausgangssituation ist in beiden Filmen gleich, und auch in der Typisierung seiner Figuren erweist Carpenter seinem großen Vorbild Referenz. Die abgebrühte Sekretärin Leigh (Laurie Zimmer) etwa entspricht der idealen Hawks-Heldin: brünett, spröde und mit ebenso sarkastischer Coolness ausgestattet wie der Fähigkeit, auf sich selbst aufpassen zu können. Wenn sie angeschossen wird, verzieht sie kurz das Gesicht und schießt zurück.

ASSAULT steckt voller Zitate und Anspielungen. Wer im Vorspann aufpasst, entdeckt John T. Chance als Editor - diesen Namen trägt John Wayne in "Rio Bravo", hinter dem Pseudonym steckt natürlich Carpenter. Austin Stokers Kindheits-Anekdote (sein Vater hat ihn ins Gefängnis sperren lassen, weil er unartig war) stammt von Carpenters zweitem Vorbild Hitchcock. Ebenfalls bemerkenswert für die Zeit ist Carpenters Entscheidung, einen schwarzen Helden zur Hauptfigur zu machen, mit dem sich der Zuschauer identifiziert. Den Grundstein für diesen Schachzug legte zuvor George A. Romero mit seinem Kulthit "Die Nacht der lebenden Toten" (1968), in dem es ebenfalls um den Kampf einer kleinen Gruppe gegen die Bedrohung von außen ging. Das vielfach geschmähte Horror- und Actionkino, oft als Schund abgetan, erweist sich hier wieder einmal als innovativer und anspruchsvoller als es das Mainstream-Kino jemals wagen würde.

Trotz aller Zitate bleibt ASSAULT aber ein vollkommen eigenständiger Film mit deutlicher Handschrift des Regisseurs. In seinen besten Tagen konnte Carpenter ein Spannungs-Szenario inszenieren wie kaum ein zweiter. Die Zuspitzung der Ereignisse, das steigende Erzähltempo und der brillante Schnitt-Rhythmus sorgen für großartiges Adrenalin-Kino. Wer dem Film sinnloses Herumgeballere vorwirft, übersieht, dass Carpenter hier eine Großstadt-Atmosphäre der allgegenwärtigen Gewalt zeigt, die so aktuell ist wie damals. Die Szenen, in denen die Todesgang durch die geisterhaften Straßen fährt und per Zielfernrohr unschuldige Passanten aufs Korn nimmt, besitzen heute noch beängstigende Assoziationen. Die mittlerweile berühmt-berüchtigte "Eiswagen"-Szene, wegen der ASSAULT lange nur für Erwachsene freigegeben war, würde im heutigen Kino niemals so stattfinden dürfen. So wie Hitchcock es im "unsichtbaren Dritten" vormachte, können Terror und Schock am hellichten Tag in vollkommen unschuldiger Szenerie stattfinden und so einen maximalen Effekt erzielen, weil der Zuschauer völlig unvorbereitet erwischt wird. Unterstützt wird das Geschehen von Carpenters pulsierendem Synthie-Soundtrack, der unvergesslich bleibt, wenn man ihn einmal gehört hat.

ASSAULT war kein großer Hit in den USA, hatte aber enormen Erfolg in Europa und avancierte schnell zum Kultfilm. Für mich einer von Carpenters beeindruckendsten, packendsten Filmen, auch beim x-ten Ansehen, erreicht ohne Riesen-Budget oder teure Spezialeffekte, nur durch die filmische Vision, Fantasie und Einfallsreichtum seines Schöpfers. Klasse!

Die DVD von e-m-s darf als vorbildlich bezeichnet werden. Nicht nur bietet sie eine neue Synchronisation in DTS und 5.1, auch die alte Kino-Synchronisation ist gottseidank in mono enthalten! Der englische O-Ton sowie Untertitel liegen ebenfalls vor. Die Bildqualität ist ausgezeichnet, dazu gibt es massig Extras - einen Audiokommentar von Carpenter, Trailer, deutsche Titelsequenz, Interviews, Slideshow und die 60-minütige Doku "Angst ist der Anfang".
Dankeschön für diese angemessene Veröffentlichung eines Klassikers und sensationellen Films.

10/10

Kommentare:

  1. Das erste Mal bei der Eiswagenszene war ich richtig wütend. Wer sieht schon gerne zu, wenn kleinen, unschuldigen Mädchen das Herz gebrochen wird.(Vorsicht Zynismus!) Eigentlich der beste Beweis für einen aufregenden Topfilm von Carpenter.

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  2. Hallo Trappwolf, das ging mir genau so! Ein großer Moment des 70er-Kinos. Gruß von Mathias

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