Mittwoch, 17. Februar 2010

Cruising (1981)

"Wir sind die Männer der Nacht, die Straße ist unser Jagdrevier", so lautete die deutsche Werbezeile zum Kinostart von "Cruising", und sie beschreibt Inhalt und Atmosphäre des Films treffend. Regisseur William Friedkin - bestens bekannt für den Welterfolg "Der Exorzist" inszenierte hier eine düstere Krimi-Fantasie, in der Al Pacino als Undercover-Cop auf der Jagd nach einem Serienkiller in die New Yorker Schwulen-S/M-Szene eintaucht, deren Faszination er nach mehreren Anpassungs-Schwierigkeiten bald erliegt... oder nicht?

"Cruising" erhitzte 1980 sämtliche Gemüter. Amerikanische Schwulenverbände protestierten lautstark und sabotierten die Dreharbeiten, weil sie sich beleidigend dargestellt fühlten. Die Aufregung hat dem Film allerdings nicht geholfen. Er war ein finanzieller Flop, hat aber seinen Ruf über die Jahre deutlich verbessert und ist mittlerweile Geheimtipp und Kult.
Friedkin durchbricht in "Cruising" gleich mehrere Filmregeln. Er bietet weder klar positive noch negative Figuren, alle Charaktere bleiben merkwürdig verschlüsselt und unverständlich, was aber den Reiz des Films erhöht. Al Pacino ist schlicht großartig in der Hauptrolle. Er wird praktisch eins mit seiner Rolle, und auch er lässt sich für den Zuschauer nie einordnen. Mal ist er ein liebenswerter Kerl (z.B. im Verhältnis zu seinem netten Nachbarn Don Scardino), dann wieder reagiert er kalt und unnahbar. An keiner Stelle spricht er aus, was er fühlt oder denkt. Das Filmende ist gar so offen, dass es Raum für wüsteste Spekulationen um Pacinos Charakter lässt (mehr sei hier nicht verraten, aber man kann ganze Abende über das Ende von "Cruising" diskutieren).

William Friedkin, der nie vor provokantem Material zurückschreckte, lässt seine Kamera immer wieder durch die S/M- und Lederszene streifen, er beobachtet äußerst voyeuristisch das nächtliche Treiben, das Anmachen, das Cruisen. Wer daran keinen Gefallen findet, dem wird letztendlich auch den Film als Ganzes nicht mögen, denn der Krimi-Plot interessiert Friedkin keine Spur. Die Suche nach dem Täter ist derart nebensächlich für den Film, dass man geradezu überrascht ist, wenn die Sprache darauf kommt. In bester Hitchcock-Tradition ist sie nur ein "MacGuffin", ein Aufhänger für die persönlichen und psychologischen Entwicklungen des Protagonisten. Und so absurd einem bei "Cruising" der Vergleich mit Hitchcock vorkommen muss, so treffend ist er, denn die Spannung in "Cruising" hat allein mit Pacinos Charakter zu tun, und der Frage, wann und wie er seiner Faszination erliegt.

Technisch muss man sagen, dass "Cruising" ein Meisterwerk an Atmosphäre ist. Kein Anflug von Humor stört das alptraumhafte Geschehen, Szenen bei Tageslicht sind so selten wie echte Emotionen. Besonders der Soundtrack wird brillant genutzt, sowohl in der pechschwarzen musikalischen Untermalung als auch in der reinen Tonmischung. "Cruising" ist ein Film, der von Fetischen besessen ist - sei es das Geräusch von Stiefel-Absätzen auf Asphalt, Schlüsselgeklimper oder Leder.

Damit verabschiedet er sich endgültig vom Mainstream und vom Unterhaltungskino und wird zur Filmkunst. Egal, was man vom Film hält, er ist kompromisslos und obsessiv. Ein Film, der spaltet, der viele Risiken eingeht (bis zur totalen Ablehnung), aber auf seine Art, und wenn man einen Zugang dazu findet faszinierend, verführerisch, auf sehr brutale Art sexy und unvergesslich. Sicher nichts für jedermann, aber definitiv einer meiner absoluten Lieblingsfilme.

10/10

Kommentare:

  1. Hallo Mathias,

    wer nicht gerade homophob veranlagt ist und atmospherisch dichte Thriller schätzt, der kommt an CRUISING nicht vorbei. Du hast es auf den Punkt gebracht, das sowohl die Charaktere als auch die Handlung selbst über das Ende hinaus ambivalent bleiben und beim Zuschauer nach Verlassen des Kinos möglicherweise ein leichtes Frösteln hinterlassen. Aber so solls sein !

    Anfang der 80er habe ich CRUISING in einem vollbesetzten (!) Kino gesehen und es herrschte während der gesamten Laufzeit Mucksmäuschenstille. Ein besseres Prädikat kann der Film gar nicht bekommen.

    Gruss Ralf

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  2. Au, da bin ich jetzt richtig neidisch, den hätte ich gern im Kino gesehen, ich habe ihn erst Ende der 80er auf Video entdeckt. Schade!!

    Gruß von Mathias

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  3. Hallo Mathias,

    ....und Du hättest mal das Publikum sehen sollen. Ein buntes Gemisch aus Männer und Frauen, selbst in der relativ "normalen" Stadt in der ich ihn gesehen habe. Wie heisst es doch so schön bei Vampirfilmen "They only come out at night".

    Gruss Ralf

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