Mittwoch, 17. Februar 2010

Crash (1996)

Mit CRASH gewann David Cronenberg 1996 in Cannes den Spezialpreis der Jury für "Mut und Originalität". Sein Agent riet ihm von der Verfilmung des Romans von James G. Ballard ab, weil er damit seine Karriere ruinieren würde. Cronenberg wechselte den Agenten, erschuf seine Version von CRASH und sorgte weltweit für Kontroversen. Sogar in Cronenbergs eigenwilligem Oeuvre nimmt CRASH noch eine Sonderstellung ein. Ich erinnere mich an zwei Kinobesuche, und beide Male verließ ungefähr die Hälfte der Zuschauer vorzeitig den Film, das beschreibt sehr einfach, wie sehr er spaltet.

Worum geht es? Wir befinden uns in einer Zeit jenseits der Zeit, vielleicht schon in der nahen Zukunft, vielleicht noch in der Gegenwart. Menschen sind auf der Suche nach sinnlichem Empfinden, können schwer miteinander sprechen und haben stattdessen leeren Sex. Autos sorgen für erotische Stimulation. Durch einen schweren Autounfall lernt James (James Spader) den Künstler Vaughan (Elias Koteas) kennen, der berühmte Crashs (wie den von James Dean) nachstellt. Auch James' Frau Catherine (Deborah Unger) kann sich der Faszination nicht entziehen...

CRASH erzählt eine vollkommen geschlossene Welt, in der Regeln nur noch vage existieren. Der Verkehr fließt, doch außer Motorengeräusch und Howard Shores brillanter Filmmusik herrscht Stille. Die Unfälle, das Aufeinanderprallen von Blech, Chrom und Glas, reißen die Charaktere kurzzeitig aus ihrer Lethargie. Cronenberg reiht eine Sex-Szene an die nächste, die Entwicklung der Figuren wird nicht über Handlung bestimmt, sondern darüber, wie sie Sex haben, wo und in welcher Position, mit welchem Maß an Zärtlichkeit oder Brutalität, mit offenen oder geschlossenen Augen.
Die Darsteller spielen ihre Figuren emotionslos und unbewegt, sie sind Zombies einer modernen Gesellschaft, durch Reizüberflutung abgestumpft und auf der Suche nach dem neuen Kick. Wer genau hinsieht, erkennt aber die unendliche Verletzbarkeit von Deborah Unger, die Angst, sich einander zu nähern, eine Verbindung außerhalb sexueller Vereinigung zu erzielen. Besonders umstritten war (und ist) die Einführung von Rosanna Arquette als Unfallopfer, deren Gehbehinderung und orthopädische Hilfe als Stimulationsobjekt dienen - ihre Szenen wurden auf einem Filmfestival in Indonesien herausgeschnitten, weil Behinderungen als "inakzeptabel" (!) eingestuft wurden. Alle Sehgewohnheiten und gesellschaftlichen Tabus müssen für CRASH komplett neu justiert werden. Holly Hunter sorgte für zusätzlichen Aufruhr, als sie in Cannes (zu Recht) einen Journalisten beschimpfte, der die Dreistigkeit besaß, ihre Rollenauswahl zu kritisieren.

CRASH wird bestimmt von Fetischen, Obsessionen, er ist sehr langsam, aber konstant nach vorne gerichtet, viele stumme Sequenzen und sein kühler, aber nie überstilisierter Look schaffen einen geradezu hypnotischen Sog. Die Atmosphäre von CRASH ist apokalyptisch, aber Cronenberg schildert nicht das Ende der Welt, sondern eine neue, veränderte Welt (wie in seinem besten Werk "Videodrome"), in der aus der Verbindung von Mensch und Maschine eine neue Spezies reift. Viele Sequenzen - wie die Autowaschanlage oder der Mansfield-Unfall (der Höhepunkt des Films) - bleiben für immer im Gedächtnis. Ich kann CRASH wieder und wieder sehen. Dass dies kein Film für jedermann ist, versteht sich von selbst. CRASH ist ein Kunstwerk, das in eine Reihe mit Werken von Antonioni, Lynch und Godard gehört.

10/10

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