Dienstag, 16. Februar 2010

Cocktail für eine Leiche (1948)

Zwei College-Studenten begehen einen sinnlosen Mord aus rein ideologischem Interesse und verstecken die Leiche in einer Truhe, auf der das kalte Buffet für eine Cocktailparty serviert wird. Die meisten Gäste jener Party sind Verwandte des Mordopfers und ahnen vorerst nichts...

COCKTAIL FÜR EINE LEICHE ist ein geniales filmisches Experiment. Die Handlung spielt sich in Echtzeit ab, verlässt nie den Schauplatz (ein Apartment) und wurde von Hitchcock in nur wenigen, sehr langen Einstellungen gedreht, so dass der Eindruck entsteht, es gäbe keinen einzigen Schnitt.

Der Film wird unverständlicherweise oft als schwach bewertet, weil Hitchcocks formale Besessenheit eher belächelt wird. Mir persönlich ist der Film hundertmal sympathischer als einige seiner hochgeschätzten Meisterwerke.

Die Darsteller agieren auf höchstem Niveau, wenn man bedenkt, wie schwierig ihre Arbeit gewesen sein muss (aufgrund der sich ständig verschiebenden Dekoration, die der Kamera weichen muss). John Dall und Farley Granger geben ein faszinierendes Killer-Paar ab. Ihr schwule Beziehung wird im Film zwar nie so benannt, ist aber für jeden erkennbar und wird mehrfach direkt bespielt. Nach dem Mord, mit dem der Film beginnt, findet eine lange Unterhaltung der beiden über das "Erlebnis" statt, und Drehbuchautor Arthur Laurents (der im Making Of ausführlich darüber berichtet, wie alle an einem Film über "It" gearbeitet haben, der "It" nie aussprechen darf) hat seine helle Freude daran, ihre Unterhaltung wie nach dem Sex klingen zu lassen ("Wie war es für dich?").

So spielt denn Joan Chandler auch eindeutig die typisch beste Freundin unseres männlichen Liebespaars. Über Farley Granger wurde oft gemeckert, wenn es um Hitchcock ging, weil er in "Strangers on a Train" einen schwachen Helden abgab und auch hier nur ein neurotisches Bündel spielt, das Angst vor der Enttarnung hat. Ich verteidige ihn immer noch und finde ihn gerade in ROPE besonders überzeugend. Er ist offenbar der devotere Part in dieser Konstellation.

Allein James Stewart überzeugt nicht ganz als der zynische Philosophieprofessor, den er eigentlich spielen soll und spielt stattdessen (mal wieder) den liebenswert schrulligen Sympathieträger. Auch bei ihm wird eine sehr interessante Beziehung zu seinen "Studenten", insbesondere zu John Dall, angedeutet (sinngemäß: "Brandon saß damals stundenlang zu Ihren Füßen, er hat Sie förmlich vergöttert!"). Das geht mit einem Stewart natürlich niemals, hier hätte ein anderer Darsteller sehr viel düstere Facetten einbringen können (Warum fällt mir spontan Charles Laughton ein?).

Die Dialoge, von denen der Film in erster Linie lebt, sind messerscharf pointiert, voll prickelnder Ironie und versteckter Bösartigkeit, und die Darsteller haben sichtlich Freude daran. Ich würde so weit gehen zu behaupten, dass ROPE von allen Hitchcocks die besten Dialoge bietet. Das Studio-Set mit dem Skyline-Hintergrund, der sich während des Films fast unmerklich von Tag zu Nacht wandelt, bleibt lange im Gedächtnis.
Sehr sehenswert ist übrigens der Trailer zum Film. Und es macht großen Spaß, nach dem einen Schnitt Ausschau zu halten, den Hitchcock nicht zu verbergen gesucht hat, sondern bewusst einsetzt.

Fazit: ein spannendes Filmexperiment voll schwarzem Humor und interessanter Psychologie, für mich einer der besten Hitchcocks. Ich glaube sogar, ich habe keinen Hitchcock öfter gesehen als diesen.

10/10

1 Kommentar:

  1. Nee Junge,

    das meine ich anders. Klar, der Zuschauer wähnt die Leiche korrekterweise in der Truhe. Aber was fürn Erstaunen hätte es gegeben, wenn Cadell diese öffnet und sie ist leer. Der clevere John Dall hätte den Corpus ja eventuell vorher unbemerkt verschwinden lassen können. Bloss, dann wäre der Mord natürlich (vorerst) nicht mehr zu beweisen gewesen und es hätte ein unmoralisches Ende gegeben. Aber n'guter Gag wärs allemal geworden !

    Gruss Ralf

    AntwortenLöschen

Related Posts Plugin for WordPress, Blogger...