Samstag, 13. Februar 2010

Carrasco, der Schänder (1964)

Der furchtbar reißerische deutsche Titel sollte niemanden abhalten, sich CARRASCO (The Outrage) von 1964 anzusehen, denn dahinter verbirgt sich nichts anderes als ein Remake eines der bedeutendsten Filmwerke aller Zeiten, Kurosawas "Rashomon" von 1950, verlegt in den Wilden Westen nach dem Bürgerkrieg.

Ein mexikanischer Bandit (Paul Newman) überfällt in der Prärie ein frisch verheiratetes Paar (Claire Bloom und Laurence Harvey), vergewaltigt die Frau und tötet den Mann. Bei einem improvisierten Prozess unter freiem Himmel jedoch berichten alle Beteiligten die Geschehnisse vollkommen anders... was ist nun genau passiert?

THE OUTRAGE besticht in erster Linie durch die fabelhafte Besetzung, auch wenn man sich an Paul Newmans "Verkleidung" als Mexikaner mit heftigem Make-up und Bart etwas gewöhnen muss. Neben den genannten Darstellern sind ebenfalls der wunderbare Edward G. Robinson als Vertreter und der junge William Shatner (vor seiner Zeit als Captain Kirk) zu sehen, die in einer Rahmenhandlung die Ereignisse um den Prozess rekapitulieren. Filmisch interessant ist THE OUTRAGE wegen der vielen Zeitebenen (Rückblenden in Rückblenden) und der wirklich beeindruckenden Schwarzweiß-Kameraarbeit, die besonders in der Rahmenhandlung (welche an einer absolut künstlichen Bahnhofsstation im Nirgendwo während eines gigantischen Unwetters stattfindet) expressionistische Qualität aufweist.

Die inhaltliche und philosopische Tiefe von Kurosawas Original wird hier nicht erreicht, aber Ansätze sind vorhanden. So verrät jede der unterschiedlichen Sichtweisen mehr über den Erzähler als über die Tat selbst, Regisseur Martin Ritt wechselt sogar mit den Erzählungen die Genres. So können die Ereignisse mal dramatisch, melodramatisch oder actionlastig sein, im letzten Fall (die Schilderung eines Augenzeugen) sogar komisch (Newman verzählt sich bei einem Duell, Harvey stolpert über seine eigenen Füße, etc.). Mit der Frage, was denn nun wirklich geschah, erzielt THE OUTRAGE auch eine sehr schlichte, aber wirkungsvolle Spannung, wenngleich schnell klar wird, dass man keine objektive Schilderung zu hören bekommt.

Alles in allem ist THE OUTRAGE sehr sehenswert. Ich hatte keine Erwartungen an diesen wenig bekannten Film und wurde sehr positiv überrascht. Wenn der Film nicht vollständig überzeugt, liegt das einerseits an Newman, der als Bandit nie wirklich bedrohlich, sondern eher liebenswert wirkt, was vielleicht Absicht sein könnte, und an der Tatsache, dass Martin Ritt das Spiel mit den Erzählrealitäten mehr interessiert als die Charaktere. Und die Botschaft lautet: es gibt nur eine Wahrheit und die lautet, wir sind alle Lügner. Das hört man nicht oft in einem Hollywood-Mainstream-Film.

07/10

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