Mittwoch, 17. Februar 2010

Caché (2005)

Regisseur Michael Haneke spaltet mal wieder, das ist hier sehr eindrucksvoll nachzulesen. Und tatsächlich verführt der Inhalt seines letzten Werks "Caché" geradezu, einen spannenden Psycho-Thriller zu erwarten.
Der Ausgangspunkt des Films (der an Lynch's "Lost Highway" angelehnt ist) hätte in den 80ern locker einen typischen Michael Douglas-Thriller abgeben können. Aber Michael Haneke ist vom Mainstream so weit entfernt wie es nur geht, und auch "Caché" ist kein Zugeständnis an den Massengeschmack, sondern er macht aus diesem Stoff etwas ganz eigenes, sehr eigenwilliges. Wer keinen Zugang dazu finden mag, der muss es auch nicht, und er muss sich auch nicht persönlich beleidigt fühlen.

Zum Inhalt: der TV-Redakteur Georges (Daniel Auteuil) erhält anonyme Videobänder, die sein Haus zeigen, das permanent gefilmt wurde. Wer steckt dahinter, und was will er?
Mehr muss man nicht erzählen, zumal Haneke sich natürlich einer klaren Auflösung der Geschichte entzieht. Ihm geht es darum, dem Zuschauer Raum zu geben für eigene Interpretationen, für das Erfassen kleiner Indizien, die sowohl psychologischer als auch politischer Natur sein können. Der Algerien-Konflikt, das ewige Reizthema und Tabu der Franzosen, spielt eine entscheidende Rolle im Trauma, das unter den Absichten des Unbekannten liegt (man beachte die letzte Einstellung des Films während des Abspanns, dort wird zumindest thematisch etwas sehr deutlich). "Caché" handelt von Schuld und Sühne, und von der Frage, in wie weit Schuld sich auf nächste Generationen übertragen kann. Daneben entwirft Haneke auf schon typische Weise Szenen, in der die Kommunikationslosigkeit der Figuren auf den Punkt gebracht wird. Als Juliette Binoche (großartig in ihrem absolut realistischen Spiel) ihrem Sohn die Situation erklären will, unterstellt er ihr eine Affäre. Das schützende Schweigen der Eltern führt zu Missverständnis und Ablehnung (oder hat sie doch eine Affäre? Auch hierfür gibt es Hinweise, aber keine Antwort). Und nicht zuletzt ist "Caché" auch eine Warnung vor der immer stärker in unser Privatleben eindringenden Überwachungsmentalität. Wie einfach ist es, einen gutsituierten Menschen in nur wenigen Tagen zu zerstören, wenn wir wissen, wo sein wunder Punkt liegt. Wie stark muss eine Beziehung sein, dass sie Psycho-Terror auf Dauer aushält (klare Antwort: dagegen ist jede Beziehung machtlos)?
Die große Überraschung ist: trotz all dieser Elemente und der schon gewohnten Sperrigkeit der Inszenierung ist dies auf seltsame Art Hanekes "unterhaltsamster" Film, wenn man dieses Wort gebrauchen will. Er entwickelt eine große psychologische Spannung, und gerade sein Verzicht auf jegliche Klischees und Versatzstücke des Genres macht ihn unvorhersehbar. Zwar laden die Figuren nicht zur Identifikation ein (und sollen es auch nicht, Haneke stellt dar und lädt nicht ein), aber sie sind so gut entworfen und gespielt, dass man sehr nah an ihrem Schicksal dran ist - wenn man möchte. Er ist mit einfachsten Mitteln gedreht. So gibt es z.B. minutenlange starre Einstellungen von Auteuils Haus, die sich erst später als Teil der Video-Botschaft entschlüsseln, die gerade betrachtet wird. Das kann den Zuschauer, der einen "normalen" Thriller erwartet, natürlich schnell zur Raserei bringen.
Zu Recht hat Haneke für "Caché" mehrere Preise gewonnen. Hier ist ein Regisseur, der sich konstant weigert, den einfachen Weg zu gehen und das Medium Film als Kunstform betrachtet. Dass "Caché" darüberhinaus noch spannende, intelligente Unterhaltung ist, macht ihn so großartig.

9.5/10

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