Sonntag, 14. Februar 2010

Brief einer Unbekannten (1948)

In der Nacht vor einem Duell im Morgengrauen öffnet der Pianist Stefan (Louis Jourdan) einen Brief, der mit den Worten beginnt: "Wenn Du diese Zeilen liest, bin ich vielleicht schon tot..."

Das Melodram BRIEF EINER UNBEKANNTEN aus dem Jahr 1948, nach einer Novelle von Stefan Zweig, gehört zu den schönsten Werken Max Ophüls' und erzählt von der unerschütterlichen Liebe der jungen Lisa (Joan Fontaine) zu dem selbstgefälligen Pianisten Stefan, die über Jahrzehnte anhält, ohne dass sie erwidert wird. Die tragische Geschichte wird in Rückblenden enthüllt, und die Dramaturgie sorgt dafür, dass die Hauptdarsteller wenig Filmzeit miteinander verbringen.

Ophüls verweigert sich zudem der üblichen Filmaussage, nur die erwiderte Liebe (bzw. das Liebesbekenntnis) bringe endgültige Erfüllung und Glück auf Ewigkeit. Lisa findet eine Erfüllung darin, ihre Liebe dem zu geben, der sie vielleicht am wenigsten verdient. Ihre Gabe, Liebe ohne Gegenleistung zu schenken und ihr selbstloses Handeln machen sie nicht zu einer Verliererin oder einer lächerlichen Figur, sondern zu einer großen, starken Heldin. "Das ist romantischer Unsinn", sagt ihr Film-Ehemann. "Das kann sein, aber ich kann nichts dafür", erwidert Lisa. Für Ophüls ist Liebe ohnehin nur eine Illusion. Wenn Fontaine und Jourdan sich näher kommen, sitzen sie in einem Prater-Zug, wo ein alter Mann per Fahrrad und Drehkulisse romantische Hintergründe ins Abteil zaubert, während der Zug nie von der Stelle kommt. Einige der gemalten Kulissen besitzen expressionistische Qualität und verleihen der Geschichte eine traumartige Atmosphäre.

Joan Fontaine, deren Schönheit und Zerbrechlichkeit in vielen Meisterwerken der Filmgeschichte (wie Hitchcocks REBECCA) grandios eingefangen wurde, spielt hier die ultimative Tragödin, und man fühlt und leidet jede Minute mit ihr mit. Louis Jourdan ist als selbstgefälliger Schönling, dessen Leben sich nur um sich selbst dreht (als Gegenentwurf zu Lisa) ideal besetzt. Wenn er erkennen muss, dass es eine Frau in seinem Leben gab, die alles für ihn getan hätte, und dass er einen Sohn hatte, den er nie kennen lernen wird, zerreißt es das Herz. Übertrieben ja, melodramatisch ja, aber wunderschön.

BRIEF EINER UNBEKANNTEN entfaltet von der ersten Szene bis zum tragischen Ende (welches schon zu Beginn klar ist, insofern darf man dies verraten) einen unwiderstehlichen Sog. Mit seiner wundervollen S/W-Kameraarbeit, den edlen Dekors und eleganten Kostümen (Schauplatz ist Wien um 1900) ist er dazu ein Fest fürs Auge. Also Taschentücher raus und mitleiden! Tragische Liebesgeschichten werden selten besser als diese. Es wäre zu wünschen, dass Ophüls' Meisterwerke "Der Reigen" und besonders "Madame de..." hierzulande endlich auf DVD veröffentlicht werden.

09/10

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