Mittwoch, 17. Februar 2010

Bobby (2007)

Schon früh wird in BOBBY der Klassiker "Menschen im Hotel" zitiert, und eben wie in jenem großen Hollywood-Drama erzählt BOBBY von verschiedenen Menschen, die sich am Tag vor der Ermordung Robert Kennedys im Ambassador Hotel in Los Angeles aufhalten. Gescheiterte Ehen, Affären, Drogenexperimente, die ganz kleinen privaten Schicksale der Hotelgäste und der Angestellten finden schließlich in dem Attentat auf den Präsidentschaftskandidaten ihren Höhepunkt.

Regisseur und Autor Emilio Estevez steht dabei ein so gewaltiges Star-Aufgebot zur Verfügung, dass man als Filmfreund nur mit der Zunge schnalzen kann, allerdings gerät das Schaulaufen der Filmprominenz irgendwann zum Selbstzweck. Stars wie Anthony Hopkins und Sharon Stone liefern gute Vorstellungen ab, aber sie bekommen sämtlich zu wenig Filmzeit und Raum, um sich voll entfalten zu können. Andere Figuren (wie die von Heather Graham gespielte Telefonistin) werden schlicht vom Film vergessen, und man muss sich auch fragen, warum sich ein Martin Sheen oder eine Helen Hunt mit einem geradezu skandalös uninteressanten Plot für insgesamt ca. 10 Filmminuten hergeben, der von jedem beliebigen Darsteller hätte gespielt werden können (Gut, Sheen ist Estevez' Vater, da stellt sich die Frage nicht).

Die Gefahr bei episodisch angelegten Filmen besteht immer in der unterschiedlichen Qualität der Geschichten. Bei BOBBY kann man sagen, dass alle ungefähr gleich mittelmäßig sind. Für ein kraftvolles Kaleidoskop menschlicher Schicksale ist BOBBY insgesamt zu harmlos und konfliktarm geraten. Auch findet kaum Interaktion zwischen den einzelnen Strängen statt. Emilio Estevez' Absichten - das muss deutlich gesagt werden - sind ehrenwert und richtig. BOBBY versucht, das Bild einer zerrissenen Gesellschaft zu zeichnen, die in Robert Kennedy den Heilsbringer sieht/sehen will, der sie aus dem Vietnam-Trauma erlöst und eine Abkehr von Rassismus und Gewalt bringt. Gleichzeitig ist BOBBY damit auch ein direkter Kommentar zur (Dato) aktuellen politischen Lage Amerikas unter George W. Bush. Kein Wunder, dass Estevez dafür so viel Prominenz gewinnen konnte. Aber sein Ansatz bleibt weitgehend naiv. In seiner politischen Korrektheit und dem Abdecken aller Zielgruppen (für die älteren Zuschauer gibt es Harry Belafonte, für die Teenager Lindsay Lohan) wirkt er zu brav. Die Momente des Attentats und der (kurzen) Nachwehen sind dabei die filmisch stärksten, weil sich hier mehrere Kreise schließen und das Konzept des Films klar wird (die Menschen, deren Geschichten wir zuvor erleben durften, sind Zeugen und Opfer des Attentats). Schade, dass die 105 Minuten vorher so beliebig und dürftig waren. Mich hat keines der dargestellten Schicksale wirklich berührt.
Regisseur Emilio Estevez (der sieben Jahre brauchte, um BOBBY realisieren zu können) ist leider kein Robert Altman, an dessen Filme BOBBY oft erinnert, dessen Qualität er aber nie erreicht. Neben vielen Belanglosigkeiten gibt es auch wirklich schlimme Momente. Laurence Fishburne z.B. spielt einen Küchenchef, der ununterbrochen pathetische Weisheiten von unglaublicher Banalität von sich gibt (u.a. eine zu Tode gerittene Metapher über den perfekten Beeren-Auflauf) und dabei von Betroffenheits-Musik begleitet wird. Hier fehlt BOBBY nicht nur Humor, sondern auch Schärfe in der Beobachtung, Tiefe und Erkenntnisse, die über Platitüden wie "Wir sind alle Huren, einige werden nur besser bezahlt" (dargeboten von Demi Moore, die es wissen muss) hinausgehen.
Schade, ich hatte mir mehr versprochen. Ich gebe drei Sterne für die Darsteller und die lauteren Absichten sowie das atmosphärisch eingefangene 60er-Feeling über Kostüm, Kamera und Ausstattung (das etwas durch die Botox-Orgien der weiblichen Darsteller unterminiert wird).

04/10

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