Mittwoch, 17. Februar 2010

Blue Velvet (1986)

Mit BLUE VELVET hat David Lynch 1986 einen der umstrittensten Filme der 80er inszeniert, der sogar heute noch polarisiert, obwohl sein Status als moderner Klassiker längst anerkannt ist.

An der Oberfläche erzählt BLUE VELVET vom jungen Jeffrey (Kyle MacLachlan), der sich in seiner heilen amerikanischen Kleinstadt Lumberton langweilt und nach Aufregung und Gefahr sucht. Die findet er bei der Nachtclubsängerin Dorothy (Isabella Rossellini), in deren Apartment er einbricht und nächtlicher Zeuge sehr mysteriöser Dinge wird. Ehe er sich versieht, steckt er mitten in einem Alptraum aus Entführung, Voyeurismus, Gewalt und Sex, aus dem es kein Entrinnen gibt... oder ist vielleicht sein "normales" Leben der Alptraum?

Hier liegt schon ein Schlüssel zu BLUE VELVET (einer von vielen). Die Tageslicht-Szenen wirken deshalb so sonderbar (zum Beispiel singen dort mechanische Vögel), weil womöglich die Nacht und das Unheil real sind, und alles Freundliche, Warmherzige nicht nur Fassade ist, sondern sogar ein Tagtraum, ein kollektives amerikanisches Wachkoma. Mit seinem Film reißt Lynch diese Traumfassade ein. Selbst Kritiker müssen anerkennen, dass BLUE VELVET - einmal gesehen - nicht mehr aus dem Kopf geht, weil seine Bilder, Themen und Motive direkt aus dem Unterbewusstsein ihres Regisseurs kommen. Dabei ist BLUE VELVET für Lynch-Verhältnisse ein sehr zugänglicher Film. Die Detektiv-Geschichte, die als roter Faden durch BLUE VELVET läuft, ist erstaunlich logisch aufgebaut, trotz einiger offener Fragen befindet sich Lynch hier noch weit entfernt von dramaturgischen Exzessen eines (wundervollen) "Lost Highway".

Doch BLUE VELVET will mehr als nur Thriller oder schwarze Komödie sein. Es geht um das Erwachsenwerden eines naiven Helden, verbotenes Verlangen, die Verführbarkeit des Guten, Ödipus-Komplexe, Mutterliebe und idealisierte High-School-Romanzen. David Lynch zeichnet einen düsteren, surrealen und verstörenden Alptraum, bevölkert von Archetypen des Film Noir (Spiegelbilder und Doppelgänger, das gute blonde Mädchen Laura Dern und die gefährliche Brünette Rossellini) und dargestellt von Schauspielern, die sich mit Inbrunst in ihre riskanten Rollen werfen. Letztlich aber beherrscht Dennis Hopper mit seinem grandiosen Porträt eines komplett verrohten, gestörten und beängstigenden Psychopathen die schwarze Welt von BLUE VELVET. Seine Darstellung geht über alle Grenzen und macht den Film unvergesslich.
BLUE VELVET gleicht keinem anderen Film, kein anderer als David Lynch hätte BLUE VELVET machen können. Kamera, Musik, Ton und Inszenierung gehen eine fast magische Verbindung ein. BLUE VELVET ist ein Erlebnis und eine Bereicherung für jeden, der sich auf diese bizarre Reise in die Dunkelheit einlassen möchte.

Anekdote am Rande: Als Woody Allen 1987 als Nominierter zur Oscar-Verleihung eingeladen wurde, sagte er mit der Begründung ab, er müsse nicht kommen, BLUE VELVET sei ohnehin der beste Film des Jahres. Ich stimme ausdrücklich zu, so sehr ich "Hannah und ihre Schwestern" auch liebe.

10/10

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