Montag, 15. Februar 2010

Blow Up (1966)

Michelangelos Antonionis BLOW UP gehört nach wie vor zu den umstrittensten, aber auch meistgefeierten und bewunderten Kultfilmen aller Zeiten. Man liebt ihn oder man hasst ihn, dazwischen gibt es wohl nichts. Wer sich auf BLOW UP nicht einlassen kann oder mag, der wird auch keinen Gefallen daran finden.

BLOW UP ist gleichzeitig Zeitdokument und Meditation über die Natur von Kunst und Realität. Es geht um Menschen, die am Leben vorbeileben und nicht "sehen" können, nicht einmal der junge Fotografen Thomas (David Hemmings in einer Rolle, die ihn zum Arthaus-Star machte), der doch das "Sehen" beruflich betreibt. Was er durch seine Kamera sieht, sind Elend und Tragik, aber die interessieren weder den Verleger seines Buches noch sonst wen im poppigen London der Swinging Sixties, wo alles nur schöner Schein, Illusion und Stil ist. Das Design bestimmt das Bewusstsein, sozusagen. Stil ist nicht nur Oberfläche, sondern auch Inhalt. Thomas soll ein paar "nette Fotos" machen, dabei wird er zum ungewollten Mordzeugen. Oder hat er sich getäuscht?

Die Vergrößerung, das "Blow Up" eines Fotos, soll Klarheit schaffen. Aber kann Thomas seinen Augen wirklich trauen? Und können wir unseren Augen trauen? Kann Kunst die Realität überhaupt abbilden, oder sehen wir alle ohnehin nur, was wir sehen wollen?

BLOW UP war ein internationaler Hit und ist der mit Abstand kommerziell erfolgreichste Film des Regisseurs. Die fröhlich-erotische Begegnung von Hemmings mit zwei Models hat dabei sehr geholfen. BLOW UP ist stark gealtert, aber das darf man ihm nicht vorwerfen. Der Film ist so sehr Zeuge seiner Zeit, dass die Zeit ihre Spuren hinterlassen hat.

Alles in BLOW UP ist ungewohnt und ungewöhnlich. Stille statt Ton, ein unsympathischer Antiheld als Sympathieträger, ein Mordfall, der gegen jede Regel des Spannungsaufbaus so wichtig für den Protagonisten, aber so unwichtig für den Film ist, der sich jeder logischen Auflösung entzieht und am Ende nur auf den Zuschauer selbst verweist und was er empfindet. Fotograf Thomas weiß nicht mehr, was er vom Leben oder von der Kunst will. Am Ende hat er eine neue Begegnung mit der Kunst (in Form eines Pantomimenspiels) und findet einen Zugang, lässt sich darauf ein. So wird auch der Zuschauer von BLOW UP eingeladen, sich auf etwas einzulassen, was ihm vielleicht fremd (bzw. fremd geworden) ist. Diese Einladung darf man annehmen oder ausschlagen. Ich nehme sie immer wieder gern an.

Die Menschen in BLOW UP sind leer, ziellos, gefühllos. Erotische Stelldicheins oder ein Drogenrausch können nur kurzzeitiges Vergnügen bereiten. Das sagt der Film. Oder ist das die Realität?

10/10

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