Mittwoch, 17. Februar 2010

Babel (2006)

Ein Gewehrschuss in Marokko und die schicksalhaften Folgen in der ganzen Welt.
Ich sage es ganz offen - ich kann die Vergleiche von "Babel" mit "L.A. Crash" nicht mehr hören und schon gar nicht ertragen. Die Filme haben nichts, aber auch gar nichts gemeinsam, außer dass mehrere Geschichten parallel ablaufen. Genug davon!

Was ich ebenfalls nicht mehr hören kann, ist der Vorwurf, "Babel" hätte kein zentrales Thema. Dass sogar seriöse Kritiker sich diesem Vorwurf anschließen ist nichts anderes als ein Beleg dafür, wie heruntergekommen mittlerweile das Feuilleton ist, das immer mehr Kritiker hervorbringt, die schlichte Botschaften, Silbertabletts und Holzhammer benötigen, um ein Filmwerk zu verstehen.

Nein, "Babel" präsentiert sein Thema und seinen Standpunkt nicht auf eben jenem Silbertablett, und er hat auch keine schlichte Botschaft. Wie alle Werke Iñárritus muss auch "Babel" vom Zuschauer entschlüsselt werden.

"Babel" ist der dritte Film von Alejandro González Iñárritu (nach "Amores Perros" und "21 Gramm") und von diesen Drei sicher der Zugänglichste (nicht umsonst fand er sich plötzlich mit Oscar-Nominierungen überhäuft, die nicht gerade für künstlerische Arthaus-Filme stehen, was wohl auch das schlussendlich schlechte Abschneiden erklärt). Die Zeitebenen der verschiedenen Parallel-Geschichten sind schlichter geführt, er hat mit Pitt und Blanchett zwei Zugpferde des Mainstream-Kinos (die als Durchschnittsamerikaner sehr gut funktionieren, selbst wenn Blanchett gebürtige Australierin ist), und es gibt neben den für Innaritu typischen schmerzvollen Szenen auch Humor und Hoffnung (anders als z.B. in "21 Gramm", wo der Abstieg der Charaktere und ihrer Schicksale unaufhaltsam ist).

Doch selbst wenn man "Babel" als etwas abgeschwächte Variante der Vorgänger-Filme betrachtet, ist er so viel lohnender als Filme ohne jede Ambition. "Babel" ist eine Meditation über Gewalt (körperlich und emotional), Sprachlosigkeit (in allen Variationen, buchstäblich wie im übertragenen Sinne), Machtlosigkeit (diejenigen, welche die größte Macht für sich beanspruchen, haben die wenigste), Besitztum (Armut und Reichtum sind keine objektiven Zustände, sondern liegen im Auge des Betrachters) und über universelle Sehnsüchte (alle Charaktere hungern nach Berührung und einem Miteinander, finden dies aber nur teilweise). "Babel" ist Iñárritus Sicht auf den Zustand unserer globalen Gesellschaft, nicht mehr und nicht weniger. Ob man dem zustimmt oder es ablehnt, bleibt jedem Zuschauer selbst überlassen, doch Iñárritu ist der Künstler, und er entscheidet, was er darstellt. In dieser Darstellung ist er weitgehend kompromisslos (wie gesagt, die früheren Filme waren noch kompromissloser), und er ist nebenbei auch noch ein fantastischer Schauspieler-Regisseur. Selbst wenn man mit allen Themen des Films, seiner Langsamkeit, seiner ohrenbetäubenden Stille nichts anfangen kann, darf man dennoch die Darsteller genießen, die hier Meisterleistungen abliefern - ich meine damit nicht Pitt und Blanchett, die den kleinsten Raum zur Entfaltung bekommen, sondern Schauspieler wie Adriana Barraza und Rinko Kikuchi, die unvergesslich bleiben.

Für mich war "Babel" der beste Film des Jahres - mit Abstand. Manchmal muss man eben genauer hinsehen, um etwas zu entdecken. Leider sind wir heutzutage so sehr von gängigen Erzählstrukturen manipuliert, dass wir alles, was nicht auf den ersten Blick entschlüsselbar ist, ablehnen oder für prätentiös erklären. Oft trifft dies auch zu - auf "Babel" sicher nicht.

10/10

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