Dienstag, 16. Februar 2010

Avanti, Avanti (1972)

"Avanti, Avanti" war einer von Billy Wilders größten Misserfolgen an der Kinokasse und wurde jahrzehntelang vollkommen unterschätzt. Tatsächlich hat der Film auf den ersten Blick wenig gemein mit Wilders durchgedrehten, irrwitzigen Komödien "Manche mögen's heiß" oder "Eins, zwei drei".

Die Story: der amerikanische Geschäftsmann Armbruster (Jack Lemmon in einer für ihn maßgeschneiderten Rolle) kommt nach Italien, um die Leiche seines verunglückten Vaters zu überführen. Dabei trifft er auf Pamela Pggitt (die bezaubernde Juliet Mills, die gemeinerweise den Film hindurch als zu dick beschrieben wird), die ebenfalls eine Leiche abholen muss, und zwar die ihrer Mutter. Wie sich herausstellt, hatten die Toten ein Verhältnis miteinander, und schon bald scheint sich dieses auch zwischen dem kalten Armbruster und der warmhezigen Pamela anzubahnen, wobei der Zauber Ischias, Wein und einige sehr merkwürdige Hotelbedienstete helfen...

"Avanti" ist der Film eines reifen Mannes und Regisseurs, der eine sehr entspannte und erwachsene Einstellung zur Liebe und dem Leben hat. So wird die Geschichte auch bedeutend langsamer und ruhiger erzählt als alle früheren Werke Wilders. Unterstützt wird er dabei von einem erstklassigen Ensemble (herausragend Clive Revill als Hotelchef, der sich nur zu gern von Lemmon herumkommandieren lässt, weil ihn das an Lemmons verstorbenen Vater erinnert), der wundervollen Filmmusik von Carlo Rustichelli sowie dem italienischen Ambiente, das vom Kameramann Luigi Kuveiller in betörend schöne Bilder getaucht wurde. Das Licht in der Leichenhallen-Szene (in der Lemmon und Mills die Toten identifizieren) ist gar so schön, dass man sich kaum sattsehen mag, trotz des makaberen Anlasses. Überhaupt ist dies die beste und anrührendste Szene des gesamten Films. Sie bietet extrem skurrilen Humor (den Leichenbeschauer, der sämtliche Dienst-Utensilien in seinem Anzug aufbewahrt) und echtes Gefühl (wenn Mills den Blumenstrauß für ihre verstorbene Mutter zweiteilt und die andere Hälfte auf Lemmons toten Vater legt).

Erstaunlich für einen amerikanischen Film (und natürlich dem Österreicher Wilder zu verdanken) ist die lockere Moral der Geschichte, in der Ehebruch nicht zwangsläufig als etwas Verwerfliches dargestellt wird, sondern als durchaus romantisch und lebensbereichernd. Im heutigen Kino würde Jack Lemmon zwingend als unglücklich verheiratet gezeigt werden, um die aufkommende Affäre zu entschärfen, doch der immerhin schon 66jährige Billy Wilder kümmert sich gar nicht um so verklemmte Ansichten. Lemmons Ehe besteht, mehr erfahren wir darüber nicht, weil es darum gar nicht geht. Vielleicht liegt der Grund für den finanziellen Misserfolg des Films in dieser Offenheit, die zwar 1972 nichts Ungewöhnliches war, aber die Erwartungshaltung des Publikums unterlaufen hat.

Mit einer Lauflänge von knapp 140 Minuten ist "Avanti" vielleicht einen Tick zu lang, und der Subplot über einen erpresserischen Hoteldiener, der von seiner eifersüchtigen Ehefrau ermordet wird, kommt nicht so recht von der Stelle, doch diese Bedenken kann der Film in seiner Gesamtheit locker ausgleichen.

"Avanti" ist eine Liebeskomödie für ein erwachsenes Publikum, das schon über das erste Verliebtsein hinaus ist. Ein Film zum Mitlachen, Mitweinen und Mitträumen, über den Zauber Italiens und den Mut zu einer späten Liebe.

09/10

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