Samstag, 13. Februar 2010

Außer Atem (1960)

Um AUSSER ATEM zu würdigen, muss man ihn im historischen Kontext sehen. Regisseur Jean-Luc Godard entwickelte hier erstmals Techniken für das Kino, die heute zur gängigen Filmsprache gehören. Die Pioniere der französischen Nouvelle Vague, zu denen auch Francois Truffaut (insbesondere SIE KÜSSTEN UND SIE SCHLUGEN IHN) gehörte, zelebrierten in ihren Werken der frühen 60er das Lebensgefühl ihrer Generation, sie zeigten ein Paris des Hier und Jetzt, sie filmten mit Handkamera, ungewöhnlichen Schnitten und ultimativer Authentizität. Dabei waren sie beeinflusst vom amerikanischen Kino der 40er Jahre. Nicht umsonst ist Belmondos Antiheld in Godards Werk ein Humphrey Bogart-Fan.

Die Story von AUSSER ATEM ist nebensächlich, wenn auch nicht uninteressant - ein Kleingangster (Jean Paul-Belmondo) ist nach einem Polizistenmord auf der Flucht und sucht Unterschlupf bei einer amerikanischen Studentin und Ex-Geliebten (Jean Seberg). Die beiden verbringen eine beinahe unbeschwerte Zeit miteinander, bevor das Blatt sich wendet.
Mehr muss man nicht wissen, AUSSER ATEM spricht für sich selbst. Keiner klaut, raucht und liebt so cool und sexy wie Belmondo (ganz besonders nicht Richard Gere im lächerlichen US-Remake ATEMLOS). Seberg ist zauberhaft echt und viel mehr als nur das "Mädchen von nebenan". Berühmt ist die ausgedehnte Schlafzimmer-Szene, in der beide Charaktere so viel von sich preisgeben, dass man das Gefühl hat, ganz nah bei ihnen zu sein. Belmondo und Seberg wurden über Nacht zu Superstars, der Film ein Riesenerfolg, und seine selbstreflektierte Art ist heute noch modern. AUSSER ATEM versucht nie, den Zuschauer im Unklaren darüber zu lassen, dass er gerade einen Film sieht, er stößt ihn sogar immer wieder bewusst zurück in die Realität, durch abrupte Ton-, Musik- und Stimmungswechsel. AUSSER ATEM war ein Faustschlag ins Gesicht des französischen 50er-Kinos der gepflegten Langeweile, er hat eine rohe, unverwechselbare Kraft und einen Willen zum Neubeginn, der ihn zu einem der besten und wichtigsten Filmwerke aller Zeiten macht. Man muss ihn nicht mögen (ich liebe ihn), aber er hat sich seinen Status verdient.

09/10

Keine Kommentare:

Kommentar veröffentlichen

Related Posts Plugin for WordPress, Blogger...