Sonntag, 14. Februar 2010

Angel - Engel (1937)

ENGEL (Angel) aus dem Jahr 1937 gehört zu den übersehenen Klassikern des großen Ernst Lubitsch. Er war ein finanzieller Reinfall, der zumeist Marlene Dietrich zugeschrieben wurde, deren Karriere sich zum Zeitpunkt der Entstehung an einem Tiefpunkt befand und erst mit ihrem großartigen Comeback zwei Jahre später mit DER GROSSE BLUFF wieder zu neuen Höhen emporstieg. Doch auch Lubitsch-Fans zeigten sich enttäuscht, verspricht doch der Inhalt von ANGEL so viel Witz und bietet relativ wenig.

Die Wahrheit ist - ANGEL ist ein großartiger, strahlender Film - man darf nur keine romantische Komödie erwarten. Lubitsch erzählt in ANGEL die Geschichte einer Ehe. Gattin Marlene Dietrich ist gelangweilt und bekommt kaum Aufmerksamkeit von ihrem britischen Ehemann Herbert Marshall. Als sie in Paris ein sündiges Etablissement besucht, in dem sie einst gearbeitet hat, trifft sie auf den charmanten Melvyn Douglas, mit dem sie eine romantische Nacht verbringt, und der sie nur als "Engel" kennt. Als er viel später in ihrem Haus auftaucht und sich als alter Freund ihres Mannes entpuppt, steht die bröckelnde Ehe-Fassade endgültig vor dem Zusammenbruch...

Der berühmte "Lubitsch-Touch" findet sich überall in ANGEL, auch wenn er bei weitem nicht den Witz eines "Ninotschka" erreicht und auch nicht erreichen will. Lubitsch nimmt die Ehe ernst, und wenn man sich von dem Gedanken verabschiedet hat, eine turbulente Salonkomödie serviert zu bekommen, kann man den feinsinnigen Humor in jeder Szene entdecken. Ironie, Sarkasmus, das Spiel mit Genre-Konventionen, all das findet sich in ANGEL.

Regisseur Josef von Sternberg hatte seine Entdeckung Marlene Dietrich an einen toten Punkt geführt, an dem das Publikum sie nicht mehr sehen wollte (sie wurde offiziell zum "Kassengift" erklärt). Wie ungerecht dieses Urteil ist, zeigt sich in ihren großartigen, aber vom Publikum geschmähten Leistungen in "Desire - Perlen zum Glück" (mit Lubitsch als Produzent) und hier in ANGEL. Nicht nur ist sie strahlend schön, ihre Darstellung besitzt auch genau den hintergründigen Charme und die kesse Ironie, die Lubitschs Film ausmacht. Dass der Film sie als ehemalige... sagen wir mal "Escort-Dame" zeichnet, ohne dies jemals zu benennen, gehört zu den unglaublichen Wagnissen, die Lubitsch immer wieder eingegangen ist.

Die Charaktere verhalten sich wie reife Erwachsene, und Lubitsch inszeniert sämtliche großen emotionalen Momente des Films indirekt, indem er sie über die Angestellten erzählt. Das ist ebenso ungewöhnlich wie erfrischend, er entgeht so jedem Klischee und jedem Kitsch. Wenn sich im Finale Herbert Marshall entscheiden muss, ob er zu seiner Frau und ihrer Vergangenheit halten will oder sie freigibt, ist das spannender als mancher Thriller. Nichts in ANGEL ist vorhersehbar. Dies ist köstliche und erwachsene Unterhaltung aus den 30ern, wunderbar gefilmt und ausgestattet, mit einer Intelligenz, die heute schmerzlich im Genre vermisst wird.

09/10

1 Kommentar:

  1. Verdiente Würdigung eines mir auch heute noch sehr lieben Films. Leider, leider hab ich den nicht auf VHS und auf eine DVD-Veröffentlichung zu hoffen ist wohl eh vergebens.

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