Mittwoch, 17. Februar 2010

Angeklagt (1988)

ANGEKLAGT (The Accused) aus dem Jahr 1988 brachte nach dem aufrüttelnden "Extremities" zwei Jahre zuvor erneut ein Tabuthema für das große Publikum auf die Leinwand, wurde ein beachtlicher Erfolg und brachte Jodie Foster einen verdienten Oscar ein (gegen Wahnsinns-Konkurrenz von Glenn Close, Sigourney Weaver und Meryl Streep).

Sarah Tobias (Foster) wird in einer schäbigen Spelunke von mehreren Männern vergewaltigt. Ihre Anwältin Kathryn (Kelly McGillis, kurz zuvor noch blondierte Fluginstrukteurin in "Top Gun", jetzt brünett und seriös) bringt den Fall vor Gericht, schließt aber mit der Gegenseite einen Deal ab, der Sarah Geld bringt, aber keine Gerechtigkeit. Von Schuldgefühlen geplagt, wendet Kathryn eine riskante Taktik an - sie bringt die Zuschauer der Vergewaltigung vor Gericht, und jetzt kann auch Sarah endlich ihre Version im Zeugenstand erzählen...

Was an ANGEKLAGT neben der wichtigen Thematik begeistert, ist Jodie Fosters Darstellung, die wirklich sensationell gelungen ist, und für die sie jeden Preis verdient hat. Ihre Sarah lebt im Wohnwagen, ist nicht besonders intelligent oder gebildet (sie ist der personifizierte "White Trash", wie die Amerikaner zynisch sagen), und sie macht ständig Fehler, sie ist ein Opfer, das mit dieser Rolle nicht länger leben kann. Ihr Freund zeigt kein Verständnis ("Wie lange brauchst du denn noch, um drüber weg zu kommen?"), zuhören will ihr außer Kathryn auch keiner. Dass sie sich an dem schicksalhaften Abend schick gemacht hat, um sich vollaufen zu lassen und einen "Typen abzuschleppen", bringt sie vor Gericht in Schwierigkeiten, und hier kann man den Film nicht genug dafür loben, dass er überzeugend mit dem schlimmen Klischee aufräumt, eine Frau würde eine Vergewaltigung provozieren ("so, wie sie angezogen ist, musste das passieren"). Leider hat sich das noch nicht überall herumgesprochen, auch 20 Jahre später nicht. Traurige Welt.
Die Darstellung einer Justiz, die sich in Büros, Hinterzimmern und beim Eishockey abspielt, ist ebenfalls sehr gelungen. Gerechtigkeit ist in den Händen der Anwälte nur ein Spielball, es geht lediglich um Gewinnen oder Verlieren, nicht um Menschen oder Schicksale. Mangelnde Zivilcourage wird in ANGEKLAGT zu recht wie ein Straftatbestand behandelt, und selbst, wenn das abschließende Urteil nicht ganz glaubwürdig wirkt, ist es richtig vom Film, diesen Punkt zu setzen.

Die Schwäche von ANGEKLAGT liegt meines Erachtens in den männlichen Figuren, die leider sehr stereotyp geraten sind. Leo Rossi als Zuschauer, der die Vergewaltiger begeistert angefeuert hat, ist gar so schmierig und überzeichnet, dass er stellenweise unfreiwillig komisch wirkt. Und der einzig Unschuldige ist ein kulleräugiger Teenager, der im Zeugenstand weint und Sarah um Verzeihung bittet. Ein weiteres Problem liefert die Sequenz, in der wir die Vergewaltigung sehen, und die Jonathan Kaplan bis kurz vor Schluss aufspart, um den emotionalsten Moment vor Gericht abzupassen. In dieser Rückblende verwandelt sich die miese Kneipe plötzlich in eine "Saturday Night Fever"-Disco mit rotierenden Lichtern und visuellen Tricks, Schmutz, Schmerz, Elend und Sarahs Demütigungen werden hier unnötig ästhetisiert, zumindest in meinen Augen. ANGEKLAGT - das muss man so sagen - ist für ein Mainstream-Publikum gemacht, und diese Szene ist ein klares Zugeständnis, hier wollte man einfach das Publikum nicht komplett überfordern. Für mich wäre das aber genau der Moment, wo aus dem guten ein großer Film hätte werden können, einer, der weh tut.
Trotz dieser Mäkeleien aber bleibt ANGEKLAGT ein extrem wichtiger Film, er ist grandios gespielt und packend inszeniert, berührend, spannend und immer noch aktuell, deswegen sehr empfohlen.

08/10

Keine Kommentare:

Kommentar veröffentlichen

Related Posts Plugin for WordPress, Blogger...