Mittwoch, 17. Februar 2010

American Beauty (1999)

Es gibt zwei provokante Meinungen über Sam Mendes' AMERICAN BEAUTY von 1999 - entweder ist dies der beste amerikanische Film der letzten zehn Jahre, oder einer der meistüberschätzten Filme aller Zeiten.

Das Thema: die Dekonstruktion des Amerikanischen Traums, die Hölle hinter der Vorstadt-Idylle, das Versagen menschlicher Emotion und Kommunikation, der Werteverfall einer überreizten Plastik-Gesellschaft und die Unfähigkeit, inmitten aller Erwartungen von Umfeld und Familie erwachsen oder gar glücklich zu werden. All das präsentiert AMERICAN BEAUTY anhand einer Familie, deren Oberhaupt Lester Burnham (Kevin Spacey) in einer tiefen Midlife-Krise steckt. Seine frustrierte Gattin (Annette Bening) interessiert sich mehr für die Möbel als für ihn und pflegt ihre Affäre mit einem ekelhaften Immobilien-Hai (Peter Gallagher, perfekt besetzt), dafür begehrt Lester die minderjährige Freundin (Mena Suvari) seiner Teenager-Tochter (Thora Birch). Er macht einen radikalen Schnitt, kündigt seinen Job, trainiert seinen Körper, kifft, stößt alle vor den Kopf und fühlt sich so gut wie lange nicht mehr. Doch seine neu gefundene Freiheit ist eine Illusion - die Realität kann diesen neuen Weg nicht zulassen und wird ihn gnadenlos zerstören.

Ich weiß nicht, wo ich mit einer Aufzählung aller bemerkenswerten Elemente von AMERCIAN BEAUTY beginnen soll. Allein für die Wiederentdeckung von Annette Bening, deren Karriere fast schon in Vergessenheit geraten war, und die hier eine atemberaubende Vorstellung abliefert, muss man Sam Mendes dankbar sein. Kevin Spacey war nie besser, und auch die Jungstars Suvari, Birch und Wes Bentley werden brillant geführt. Die vielleicht beeindruckendste Leistung zeigt Chris Cooper (ein Schauspieler mit enormer Wandlungsfähigkeit, siehe "Adaptation") als beängstigender Nachbar, dessen unterdrücktes Begehren (das er - anders als Spacey - nicht ausleben kann/darf) die Katastrophe herbeiführt, die im Finale sämtliche Figuren erschüttert.

Dabei wahrt Mendes immer die Balance zwischen schriller Farce und heftigem Melodram. Surreale Traumsequenzen wechseln mit Postkartenansichten der Vorstadt, die frühe Farbigkeit wird im Verlauf düsterer und bedrückender. In der Welt von AMERICAN BEAUTY gibt es weder Schwarz noch Weiß. Spacey mag ein Lustmolch sein, der seinen Jugendwahn für eine Minderjährige (deren Nachname "Hayes" eine deutliche Hommage an Nabokovs Lolita-Figur, "Lolita Haze" sein dürfte) auslebt, aber wir müssen uns mit ihm identifizieren, weil er unsere tiefsten Ängste repräsentiert. Annette Benings sarkastische Hysterie ist nichts anderes als ein Schrei nach Liebe und Aufmerksamkeit. Die leidende Tochter Birch kann ein gemeines Miststück sein. Mit Eltern, die selbst nicht reifen können, kann sie nur die Außenseiter-Rolle wählen. Besondere Erwähnung verdient zuletzt noch Komponist Thomas Newman, der hier einen exemplarischen Soundtrack komponiert hat. Seine Themen werden heute noch verwendet (leider auch gerne in Doku-Soaps, die keine Schamgrenze kennen), Newman hat seinen Score seitdem häufig variiert, etwa in dem thematisch ähnlich gelagerten "Little Children", der AMERICAN BEAUTY sehr nahe kommt.

Viele finden AMERICAN BEAUTY überzogen. Darauf kann man nur erwidern, dass es sich um eine Satire handelt, als solche muss sie überzogen sein. Dass ein Film, der so kaputte und ausgebrannte Charaktere der Lächerlichkeit preisgibt und gleichzeitig für Verständnis plädiert, das Publikum spaltet, ist ganz natürlich. Ich jedenfalls kann nichts an diesem Meisterwerk aussetzen. Ein großer amerikanischer Film, von denen es nicht mehr allzu viele gibt.

09/10

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