Mittwoch, 17. Februar 2010

Alice (1990)

In ALICE aus dem Jahr 1990 erzählt Regisseur/Autor Woody Allen wie schon zuvor in "Eine andere Frau" von der weiblichen Selbstfindung. Mia Farrow spielt die Upperclass-Ehefrau von William Hurt, deren Existenz von Shoppen, Tratsch und leeren Ritualen geprägt ist. Ein asiatischer Doktor namens Yang verschreibt ihr mehrere geheimnisvolle Kräuter, mit deren Hilfe sie ihr eigenes Leben überdenken und zur "Heilung" kommen kann...

Im Vergleich mit "Eine andere Frau" ist ALICE wesentlich poetischer, positiver und humorvoller ausgefallen. Er zitiert frei viele seiner Einflüsse, ein bisschen Bergmans "Wilde Erdbeeren", ein wenig Dickens' "Weihnachtsgeschichte". Die Fantasy-Elemente, die bei Allens Filmen oft eine Rolle spielen (wie etwa die magische Box in der "Sommernachts-Sexkomödie"), sind hier wichtiger Bestandteil der Handlung und führen zu ebenso berührenden wie surrealen Szenen - so kann Alice sich unsichtbar machen und so ihren Ehemann beim Fremdgehen ertappen, sie kann plötzlich ihre Schüchternheit überwinden und den Mann ihrer Träume (Joe Mantegna) ohne Scham ansprechen, und sie begegnet ihrem verstorbenen Geliebten (Alec Baldwin), den sie nie vergessen konnte. Während eines langes Tanzes von Farrow und Baldwin hören wir aus dem Off neben der Jazzmusik die Stationen ihrer Beziehung, ihre Streits und ihre Trennung. Es sind diese vielen kleinen Einfälle und Ideen, die den Film so unbeschwert und zauberhaft machen, weniger seine ernsten Themen. Dr. Yang philosophiert über das Wesen der Liebe: "Liebe ist eine komplexe Emotion - keine Logik, nur Gefühl - und viel Leiden!"

Woody Allen inszeniert mit Tempo und musikalischem Rhythmus, die Handung fliegt förmlich vorbei. Die Kameraarbeit von Carlo Di Palma fängt das luxuriöse Ambiente ebenso elegant wie symbolträchtig ein (der Regen wird mehrfach als reinigende Veränderung benutzt, oft wird Mia Farrow als "Gefangene" ihres Lebens hinter Gitterstäben und Wänden fotografiert). Und neben den hervorragenden Darstellern wie Joe Mantegna, Judy Davis, Cybill Shepherd und Blythe Danner ist es vor allem Mia Farrow, die allein durch ihre außerordentlich sympathische Zerbrechlichkeit und Intelligenz eine im Grunde uninteressante Figur zu einer liebenswerten Identifikationsfigur für den Zuschauer macht, an der man selbst sein Leben überprüfen kann. In jener Phase von Allens Karriere wurde die Mitwirkung von Farrow praktisch als selbstverständlich hingenommen und viel zu selten ihr wirklich unglaubliches Talent gelobt, gleichzeitig als Komödiantin und Tragödin zu überzeugen, oft in der perfekten Mischung aus beidem.

Daneben gibt es noch den typischen Allen-Humor, der hier weitaus weniger sarkastisch und vielmehr warmherzig die Erlebnisse von Alice auf ihrer Reise durch das Wunderland begleitet. In meiner Lieblings-Sequenz begegnet ihr plötzlich die eigene Muse (Bernadette Peters), die mit Farrows Schreibversuchen nichts anfangen kann. "Loser sind die besten Charaktere", sagt die Muse und spricht damit Woody Allen aus der Seele.

Als ALICE herauskam, wurde er nicht gerade gefeiert. Heute jedoch muss man feststellen, dass er überhaupt nicht gealtert ist. ALICE ist wunderbar heiteres und feinsinniges Kino - kein Film, der sehr lange nachwirkt, aber sicher eines von Woody Allens meistunterschätzten Werken.

07/10

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